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Meinung Ist klein auch fein?
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00:15 14.03.2014
Von Klaus Wallbaum
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Was macht ein richtiges, ein intaktes Dorf aus? Eine Kirche sollte dort stehen, möglichst mit einem Turm, der alle anderen Häuser überragt. Ein Gasthaus sollte es geben, in dem sich die Vereine treffen. Ein Sportplatz sollte vorhanden sein, außerdem ein Kaufmann, ein Bäcker und ein Fleischer. Und natürlich: die Schule. Ein Dorf muss anschaulich in kurzer Entfernung die verschiedenen Lebensphasen verorten: Hier wachsen die Kinder auf und gehen zur Schule, hier lebt, arbeitet und feiert man, hier erholt man sich im hohen Alter, und hier wird man später auch begraben.

Die Sehnsucht nach solcher Dorfidylle muss in Niedersachsen weit verbreitet sein, denn anders lässt sich der landesweite Kampf um die Grundschulen nicht erklären. Vor wenigen Tagen erst hat sich das Thema in Bad Münder am Deister zugespitzt. Voller Inbrunst stritten Kommunalpolitiker aus mehreren Ortsteilen gegen das Angebot, ein saniertes leeres Schulgebäude in der Kernstadt für einen günstigen Preis zu übernehmen. Sie waren getrieben von der Angst, damit einige kleine Grundschulen opfern zu müssen. Im Rat verfehlten sie für ihre Position die Mehrheit, nun sammeln sie Unterschriften für einen Bürgerentscheid.

„Kurze Wege für kurze Beine“

Wenn der Supermarkt schließt, stehen die Bürger machtlos daneben. Umso verbissener geht der Streit dann oft um die Schulen – denn hier entscheiden nicht Konzerne, sondern die örtlichen Kommunalpolitiker. Allein wirtschaftliche Erwägungen können nicht den Ausschlag geben, und das ist auch gut so. Aber ist es auch für die Kinder das Richtige, um jeden Preis an kleinen Grundschulen festhalten zu wollen? Über viele Jahre hat es unter den politischen Parteien dazu einen Konsens gegeben, der sich in dem Schlagwort „Kurze Wege für kurze Beine“ ausdrückt. Damit ist gemeint, dass man den Grundschulkindern keine weiten und gefährlichen Fußwege oder Fahrten zur Schule zumuten will. Sie sollen möglichst im behüteten Dorf bleiben.

Dafür spricht sehr viel, aber es gibt auch eine Schattenseite, die in den Debatten meistens ausgeblendet wird. Wie gut können Grundschullehrer den Kindern das nötige Wissen und die nötigen Fertigkeiten vermitteln, wenn die Schulen beispielsweise nur 50 oder 100 Kinder haben? Ein gemeinsamer Unterricht in den Klassen eins bis vier wird dann wohl häufiger vorkommen. An sich ist das nicht von Nachteil, jedenfalls nicht für die jeweils jüngeren Kinder, die sich manches von den älteren abgucken können. Umgekehrt aber besteht die Gefahr, dass die Wissensvermittlung langsamer verläuft, dass die Kinder den Anschluss verlieren. Und wenn die wenigen Lehrer, die in einer Minigrundschule unterrichten, in Englisch oder Mathematik selber schwächeln? Dann fällt das im günstigen Fall aufmerksamen Eltern noch rechtzeitig auf und man kann gegensteuern. Im ungünstigen wird der Mangel erst bemerkt, wenn das Kind auf die weiterführende Schule geht. Dann aber kann es für eine Korrektur manchmal zu spät sein.

So verständlich und nachvollziehbar der Kampf um kleine Grundschulen ist, so gefährlich ist auch die emotionale Überhöhung des Themas. Wenn die Schule zum Symbol für die Dorfidylle wird, ist man allzu schnell bereit, auf die Qualität des Schulunterrichtes nicht mehr ausreichend zu achten. Halb so schlimm, weil es ja „nur“ die Grundschule ist? Bildungsforscher haben in den vergangenen Jahren herausgearbeitet, wie wichtig gerade eine intensive Wissensvermittlung in den ersten Lebensjahren für die Kinder ist – dann, wenn sie noch besonders wissbegierig und aufnahmefähig sind.

Nüchterne Lösungen gefragt

Die Politiker sollten zu nüchternen Lösungen kommen. Wo kleine Grundschulen nicht länger haltbar sind, muss das Kultusministerium den Kommunen auch vorgeben, dass sie handeln müssen. Das geht aber auf der anderen Seite nur, wenn die Grundschüler optimal mit Bussen zur Schule gebracht und von dort wieder abgeholt werden können – eine Aufgabe, bei den die Kommunen notfalls Hilfe vom Land brauchen.

Die Parole „Kurze Wege für kurze Beine“ hat schon einen Sinn, wenn es darum geht, die Zeiten für den Weg zur Schule und zurück möglichst knapp zu halten. Aber als bloße Ideologie führt diese Haltung nicht weiter. Und was die ländliche Idylle angeht: Dörfer haben auch eine Zukunft, wenn sie keine eigene Grundschule mehr haben, sondern eine im nächsten Ort. Die Lebensqualität hängt nicht nur von der Zahl der Einrichtungen ab, sondern davon, wie sich alles ineinanderfügt. Notfalls auch im Zusammenspiel mit dem ungeliebten Nachbardorf ...

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