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20:24 10.12.2013
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In diesen Tagen erreichen uns verstörende Bilder aus Niedersachsen. Frauen und Männer in den besten Jahren stehen mit Plakaten vor dem hannoverschen Hauptbahnhof, auf denen Sprüche zu lesen sind, die wie Verzweiflungsschreie klingen. „Ich bin ein Mensch und keine Leibeigene der Landesregierung“, heißt es etwa. Oder: „Ich bin ein Mensch und kein Unterrichtsroboter.“ Nun ist der Einsatz von Robotern im Unterricht noch kaum erprobt, sodass es sich bei den Protestierenden tatsächlich um Menschen handeln muss. Aber im Ernst: Geht es nicht eine Nummer kleiner? Das Thema ist schließlich nur eine Stunde Mehrarbeit für Gymnasiallehrer. Auf den ersten Blick. Sieht man genauer hin, entdeckt man, dass es auch um ein kommunikatives Versagen der Landesregierung geht. Um jahrelangen Frust der Lehrerinnen und Lehrer. Und um viel Zeit, Kreativität und Organisationskraft, die nötig sind, damit solch massiver Protest überhaupt zustande kommt. Es geht also um ziemlich viel – für alle Beteiligten.

Die Ministerin ist erschreckend hilflos

Fangen wir bei der Landesregierung an. Sie hat gleichsam nebenbei – nach dem Ende einer Haushaltsklausur – verkündet, dass ihre Gymnasiallehrer auch ihren Teil beitragen müssten zu der großen Kraftanstrengung in der Schulpolitik, der sich Rot-Grün verschrieben hat. Ersten Meldungen, nach denen sich die Zahl der Unterrichtsstunden von 23,5 auf 24,5 Stunden pro Woche erhöhen soll, folgten eher pflichtgemäße Reaktionen der betroffenen Verbände. Schließlich fielen sie in die Ferienzeit. Erst nach den Ferien registrierte die Landesregierung, dass der Unmut wuchs – ein Ende ist nicht abzusehen. Die Regierung scheint von der Wucht des Protestes überrascht, wie erschreckend hilflose Erklärungen der neuen Kultusministerin Frauke Heiligenstadt zeigen. Abstrakte Beteuerungen wie „das Geld (für die Schulpolitik) bleibt im System“ helfen kaum weiter, wenn aufgebrachte Lehrer die System-Frage laut und ganz anders stellen.

Die Landesregierung hat offenbar den Frust unterschätzt, der sich über die Jahre an Niedersachsens höheren Schulen aufgestaut hat. Keine Frage: Das Hin und Her in der Schulpolitik nervt und wäre schon an sich ein Grund, den Föderalismus abzuschaffen. Erst die Einführung des Abiturs mit zwölf statt 13 Jahren, dann das Zentralabitur, hinzu kommt immer mehr Druck von Eltern, die nach diversen Pisa-Studien verunsichert sind – es ist auch deshalb nicht mehr die reine Freude, heute Lehrer zu sein. Dass die Schüler auch nicht einfacher werden, kommt hinzu.
Alles Gründe, die einen generellen Frust der Gymnasiallehrer verständlich machen. Nicht aber ihr Verhalten im konkreten Streit um die eine Stunde Mehrarbeit im Klassenraum. Jetzt den Schülerinnen und Schülern die Klassenfahrten zu streichen wirkt wie eine billige Rache und kommt pädagogisch der Kapitulation nahe. Schließlich sind gerade die Klassenfahrten im Schülerleben oft das Tüpfelchen auf dem I. Dennoch leisten sich die Lehrer diesen Schritt. Ihr Risiko ist überschaubar: Sie haben einen krisenfesten Job und sind, sofern sie verbeamtet wurden, unbeschwert von der Zahlung von Rentenabgaben.

So blicken sie auf ein im Vergleich mit anderen Berufsgruppen relativ sorgloses Alter. Allein solche Hinweise werten manche Pädagogen heute schon als Angriff. Und wenn Ministerpräsident Stephan Weil auch nur anmerkt, dass das Streichen von Klassenfahrten vielleicht kein Geniestreich im Rahmen einer politischen Auseinandersetzung sei, eskaliert die Lage richtig. Da werden sogleich fast 20 Jahre alte Schröder-Zitate aus der Kiste geholt (das mit den „faulen Säcken“), und es wird über die mangelnde Wertschätzung eines ganzen Berufsstandes geklagt.

Es geht um die Kinder

Keine Frage: Lehrer leisten eine verdienstvolle Arbeit. Viele von ihnen gehen im Interesse der Schüler an die Grenze der Belastbarkeit – und werden dafür recht ordentlich entlohnt. Kann man da nicht verlangen, dass sie sich wie jede andere Berufsgruppe auf Neuerungen einstellen müssen – zu denen auch Arbeitsverdichtung zählen kann?

Es wäre an der Zeit, jetzt abzurüsten. Die Kraft, die die Lehrer in die Vorbereitung von Demonstrationen stecken, wäre sinnvoller für die Organisation einer Klassenfahrt verwendet. Vielleicht könnte sich auch die Landesregierung überlegen, ob sie nicht wenigstens älteren Lehrern entgegenkommt und die Unterrichtszeit reduziert. Im Interesse derjenigen, um die es geht: die Kinder.

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