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Meinung Über Gebühr
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21:35 05.03.2014
Von Dirk Schmaler
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Eigentlich ist es eine gute, geradezu einzigartige Nachricht. Der erst vor einem Jahr eingeführte neue Rundfunkbeitrag für das Programm von ARD und ZDF soll sinken. Die zuständige Kommission hat den Landesregierungen gerade offiziell empfohlen, den Beitrag um 73 Cent auf dann 17,25 Euro pro Monat zu kürzen. In der kommenden Woche werden die Ministerpräsidenten darüber abstimmen.

Der Grund für die mögliche Absenkung der Abgabe liegt allerdings nicht in einer neuen Sparsamkeit der öffentlich-rechtlichen Sender. Die plötzlichen Überschüsse ergeben sich daraus, dass heute mehr Menschen für den Rundfunk zur Kasse gebeten werden – und deshalb Hunderte Millionen zusätzlich eingenommen werden. Anders als die frühere Rundfunkgebühr, die grundsätzlich nur Besitzer von entsprechenden Empfängern zahlen mussten, verpflichtet die neue Haushaltsabgabe jeden Haushalt und jede Firma zur Zahlung – unabhängig davon, ob dort überhaupt Radios und Fernsehgeräte installiert sind.

Das Kalkül der Reform ist aufgegangen – zumindest aus finanzieller Sicht. Doch mit der neuen Zwangsabgabe müssen auch neue Verpflichtungen einhergehen. Weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk nun auch von denjenigen finanziert wird, die ihn gar nicht nutzen, steigt automatisch die gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Die Einschaltquote allein, mit der die Senderverantwortlichen bis heute auch den größten Unsinn im Programm als Zuschauerwille rechtfertige, kann in diesem System nur noch ein Indikator von vielen für die Programmauswahl sein. Vielmehr müssen die mit 7,8 Milliarden Euro Beitragsgeld abgesicherten ARD und ZDF den Mut haben, ihren Zuschauern mehr zuzutrauen – ob bei neuartigen Serienformaten oder Liveberichterstattungen zu nachrichtlichen Großlagen auch außerhalb von „Heute“ und „Tagesschau“.

Die Idee, das ganze Tagesgeschehen in die Viertelstunde ab 20 Uhr zu stecken, ist längst an Grenzen gestoßen. Nie trat das deutlicher zutage als vor wenigen Tagen, als die Innenstadt von Kiew lichterloh brannte. Während die BBC, CNN und Al Dschasira rund um die Uhr von Scharfschützen, Toten und diplomatischen Bemühungen berichteten, sendete das deutsche Fernsehen die ganze Nacht Konserven.

Die Wahrheit ist: ARD und ZDF sowie deren unzählige Regional- und Spartenkanäle haben weder die Programmstruktur noch den journalistischen Apparat, um von einer Revolution in einer europäischen Hauptstadt umfassend zu berichten. Lieber diskutieren deren Gremien jahrelang über das beste Konzept für einen möglichst quotenträchtigen Vorabend – auch unter der Maßgabe, dass die bis 20 Uhr erlaubten Werbefenster möglichst viel zusätzliches Geld in die Kassen spülen.

Deshalb ist es auch mehr als ein Zahlenspiel, wenn man darüber nachdenkt, statt der geplanten Senkung die Rundfunkabgabe um 50 Cent zu erhöhen – und damit die Werbung im Öffentlich-Rechtlichen komplett abzuschaffen. Dies würde nicht nur die Nerven der Zuschauer schonen. Es würde den Sendern ein weiteres Argument nehmen, sich hinter der Quote zu verstecken, statt ein anspruchsvolles Unterhaltungs- und Informationsprogramm zu bieten.

Nun kann man nicht davon ausgehen, dass sich die Ministerpräsidenten bei ihrer Konferenz am 13. März tatsächlich mit solch revolutionären Überlegungen den Erfolg nehmen lassen, die Abgabe für den Rundfunk zu senken. Mittelfristig allerdings müssen ARD und ZDF umsteuern. Weniger „Wetten, dass ...?“-Reanimation, mehr echtes Format. Ein paar Spartenkanäle weniger, ein international aufgestellter Nachrichtensender, mutige Film- und Serienkonzepte, die vielleicht nicht gleich mit „Tatort“-Quoten starten, aber durch internationale Verkäufe am Ende sogar Geld einspielen können.

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