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Meinung Schluss mit der„Fifa nostra“
Nachrichten Meinung Schluss mit der„Fifa nostra“
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21:59 28.05.2015
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Sepp, es ist Zeit zu gehen.“ Uefa-Chef Michel Platini hat gestern freundlich ausgesprochen, was die halbe Welt mit anschwellendem Zorn fordert. Der Rücktritt von Fifa-Chef Sepp Blatter ist überfällig, so lautet die vorherrschende Meinung. Zumindest in Europa.

Doch der trickreiche Schweizer gibt nicht so leicht nach. So kommt es heute in Zürich zur Kampfabstimmung mit Blatters Gegenkandidaten, dem jordanischen Prinzen Ali bin al-Hussein. Es droht tief greifender Streit in der Fifa und nicht weniger als die Abspaltung der Europäer vom Weltfußballverband. Blatter lehnte Platinis öffentlich vorgetragenen Wunsch mit der Begründung ab, er könne nicht zu diesem Zeitpunkt aufhören. Ob er es später kann? Das Wort Aufgabe kommt in Blatters Wortschatz nicht vor, er sucht lieber die offene Schlacht. Das liegt im Wesen des 79-Jährigen begründet, der seit 40 Jahren bei der Fifa ist, sich seit 17 Jahren an ihrer Spitze hält und allen Stürmen der Kritik wundersam getrotzt hat.

Joseph Blatter mag es gern groß. Der Weltfußballverband, den der Patriarch als „seine Fifa-Familie“ bezeichnet, sei mit 1,6 Milliarden Mitgliedern schließlich die größte Gemeinschaft der Welt. Und rangiere somit noch vor der kompletten Einwohnerschaft Chinas oder Indiens, wie Blatter vorrechnet. Bescheidenheit ist dem Mann fremd. Gefolgsleute wie der Präsident des Verbandes der Dominikanischen Republik, Osiris Guzman, haben den 79-Jährigen zuletzt mit Winston Churchill, Nelson Mandela, Abraham Lincoln, dem Papst, ja sogar mit Mutter Teresa verglichen.

Sepp Blatter - ein heiliger Krieger? Eher ein gerissener Netzwerker, der es besonders in Afrika und Lateinamerika verstanden hat, die Funktionäre hinter sich zu bringen. Sein Mittel ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Geld, haufenweise Geld. Eine Viertelmillion Euro spendiert er jedem Verband pro Jahr, das kann in kleinen Ländern existenziell sein. Wohl auch deshalb rühmt sich Blatter, er sei der einzige Mensch, der in jedem Land der Welt vom Staatschef empfangen werde. In den VIP-Logen der Stadien ist Blatter ein angesehener Mann, hinter den Kulissen arbeitet sein System mit Schmiergeldern. Korruption, so Kritiker, sei der alleinige Grund, warum das Finale der Fußball-WM am vierten Advent 2022 in Katar steigen soll. Mit Wladimir Putin warf sich gestern zudem der Gastgeber der kommenden Weltmeisterschaft für Blatter in die Bresche. Auch bei der Vergabe der WM 2018 nach Russland seien Bestechungsgelder im Spiel gewesen, sagen Kritiker. Man versteht sich gut auf der dunklen Seite der Macht.

Nun aber ist ein zarter Hoffnungsschimmer sichtbar. Mit den Antikorruptionsermittlern aus den USA hat die Fifa-Familie, von manchen als „Fifa nostra“ verhöhnt, mächtige Gegner bekommen. Hinter Uefa-Chef Platini, der mit einer kämpferischen Rede aufhorchen ließ, sammeln sich die Gegner des Systems. Selbst im Fall einer Niederlage Blatters wäre die Fifa nicht schon automatisch auf dem richtigen Weg. Zu tief hat sich die Korruption in den vergangenen Jahren durch das System gefressen. Es wird weitere Rücktritte, interne Ermittlungen, eine Transparenzoffensive und ein neues Selbstverständnis brauchen, um die Fifa auf den Weg des „Fair Play“ zurückzubringen. Ein mühsamer Weg. Es ist jetzt höchste Zeit für Sepp zu gehen. Aber auch das wäre nur ein erster Schritt.

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