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20:51 29.07.2013
Von Jens Heitmann
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Man kennt das aus der Bundesliga. Wenn der Vertrag eines Trainers trotz erster Zweifel vorzeitig verlängert wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass am Ende der Saison ein anderer auf der Bank sitzt. Diese Gesetzmäßigkeit aus der Welt des Fußballs will Siemens nun offenbar in die Welt der Wirtschaft übertragen: Die zweite Amtszeit seines Vorstandschefs Peter Löscher soll schon nach nur einem Jahr zu Ende gehen. Dass sich der Betroffene ziert, gehört dabei ebenso zum Spiel wie die Trennung am Schluss, deren Maß an Einvernehmlichkeit von der Höhe der Abfindung bestimmt wird.

Selbst die Floskeln, die das abrupte Aus für den Hoffnungsträger von einst rechtfertigen, klingen in der 1. Börsenliga nicht viel anders als im Stadion: Am Ende habe der Cheftrainer seine Mannschaft nicht mehr erreicht, nun soll einer aus den eigenen Reihen eine neue Spielphilosophie entwickeln und den ganzen Verein mitnehmen. Der erste Teil der Begründung wird so bereits kolportiert, der zweite dürfte folgen, sobald der bisherige Finanzvorstand Joe Kaeser offiziell als Nachfolger ausgerufen ist.

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Dass die Gründe für den Absturz in der Tabelle oder am Aktienmarkt meist nicht nur in einer Person zu finden ist, ahnen Fans wie Anleger. Gleichwohl mühen sich die anderen Beteiligten, die Schuld an der Misere einem Einzelnen aufzuladen. Als Sündenbock bietet sich an, wer nie richtig dazu gehörte und mit den Eigenheiten der Altvorderen fremdelt. Unter den 370 000 Siemensianern ist diese Rolle Löscher auf den Leib geschrieben: Der Österreicher war der erste Vorstandschef, der nicht aus dem Haus kam und trotz seiner Vielsprachigkeit nie die richtigen Worte fand.

Anfänglich galt das sogar als Stärke, weil man in München jemanden brauchte, der die endemische Korruption im Konzern so glaubwürdig und entschieden bekämpfen konnte, wie das nur Managern möglich ist, die keiner Seilschaft angehören. Das kostete Siemens zwar Milliarden, es half aber bei der Rettung des Renommees. Löscher allerdings hörte nie auf, ein Externer zu sein – und stand so ganz ohne Verbündete da, als die Geschäfte nicht mehr rund liefen.

Isolation ist niemals ratsam

Eine solche Isolation ist in keinem Unternehmen ratsam – bei Siemens schon gar nicht. Auch wenn der Clan der Unternehmensgründer im Alltag längst keine Rolle mehr spielt, begreifen sich die Mitarbeiter auch heute als Großfamilie: Außerhalb der Werkshallen mag die Globalisierung toben – drinnen nimmt man die inneren Befindlichkeiten und Stimmungen mindestens so wichtig wie den Auftragsbestand und die Marge.

Dieses mit Hingabe gepflegte Image des Vorzeigeunternehmens stammt noch aus Zeiten der Deutschland AG, als die großen Dax-Konzerne eng miteinander verbandelt waren und sich Vorstände und Aufsichtsräte wechselseitig die Pöstchen zuschoben. Von diesem Machtkartell ist mittlerweile kaum noch etwas übrig – das wenige aber konzentriert sich augenfällig bei zwei Konzernen, die tief im 19. Jahrhundert wurzeln und derzeit keine Vision für die Zukunft haben: ThyssenKrupp und eben Siemens.

In dieses Bild passt auch, dass sich die kriselnden Unternehmen beide über Jahre vom gleichen Aufsichtsratschef kontrollieren ließen: Gerhard Cromme. Wie „seine“ beiden Konzerne zehrt auch der inzwischen 70-Jährige vom guten Ruf früherer Tage – und teilt auch deren Neigung zur Selbstüberschätzung. Dass sich ThyssenKrupp mit dem Bau zweier Stahlwerke in eine gefährliche Schieflage manövrierte, hat er ebenso souverän übersehen wie die sich häufenden Fehlschläge im Hause Siemens.

Bei ThyssenKrupp hat man inzwischen die Spitzenämter in Vorstand und Aufsichtsrat neu besetzt – bei Siemens soll bisher hingegen nur der fürs Tagesgeschäft Verantwortliche gehen. Für einen Neuanfang aber reicht das nicht aus: Auch Cromme muss gehen – die Zeit der alten Männer, die nicht weichen wollen, ist abgelaufen.

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