Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Vereinte Nationen
Nachrichten Meinung Vereinte Nationen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:11 04.09.2013
Anzeige

 Wer sich mit dem Massaker in Oradour-sur-Glane im Juni 1944 auseinandersetzt, der kann nur staunen über die natürliche Partnerschaftlichkeit, mit der die ehemaligen Kriegsfeinde Deutschland und Frankreich heute miteinander umgehen. Vor nicht einmal 70 Jahren löschten deutsche SS-Soldaten das ganze Dorf in der französischen Provinz aus, sie töteten 642 Menschen auf bestialische Art und Weise und brannten Oradour-sur-Glane komplett nieder. Wieder neu aufgebaut, gilt es heute in Frankreich als ein Symbol für die Nazi-Gräuel.

Früher hätten die Menschen in Oradour-sur-Glane hochrangigen Besuch aus Deutschland nicht akzeptiert. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Indem der am Mittwoch Ort  den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck empfing, bewies er, dass er nicht nur zurückblickt, sondern auch nach vorn, wie das übrige Frankreich. Nicht einmal Oradour-sur-Glane verharrt noch in der bitteren Erinnerung, auch wenn dieser Ort für alle Zeit ein Mahnmal bleibt. Gauck fand die passenden Worte für die Würdigung dieses Wandels: Gastfreundschaft an solcher Stelle kann man sich nicht erbeten, sie ist ein Geschenk.

Nicht nur die Deutschen ...

Der Staatsbesuch Gaucks ist die erste offizielle Visite eines Bundespräsidenten in Frankreich seit 17 Jahren. Allzu oft wird auf beiden Seiten die Pflege dieser besonderen Beziehung als Routine abgetan. Dabei lassen jetzt die Syrien-Krise und andere neue Gefahren in aller Welt die deutsch-französische Freundschaft in einem neuen Licht erstrahlen: Einmal mehr sehen sich Deutsche und Franzosen jetzt daran erinnert, dass Frieden, Aussöhnung und ein gutes Miteinander im Leben der Völker längst keine banale Selbstverständlichkeit sind, sondern eine Errungenschaft mit unschätzbarem Wert.

Wenn Deutschland und Frankreich heute noch streiten, dann tun sie das als Partner. Berlin und Paris sind keineswegs einig über die Grundzüge einer künftigen Wirtschaftsregierung in der EU. Auch über das richtige Vorgehen in der Euro-Schuldenkrise gibt es reichlich Differenzen. Beide wissen aber: Dies ist ihre gemeinsame Krise. Und niemand stellt infrage, dass Europa ohne den jeweils anderen keine tragfähige Lösung finden wird.

Viele Stimmungen und Strömungen in den beiden Ländern streben derzeit leider mal wieder auseinander. Während in Frankreich die Furcht vorherrscht, vom wirtschaftlich stärkeren Nachbarn erdrückt und übervorteilt zu werden, wünschen sich die Deutschen einen selbstbewussteren Partner, der die Verzagtheit hinter sich lässt, den Rücken durchdrückt und hilft, die Herausforderungen gemeinsam zu meistern.

... blicken auf den 22. September

Berlin hofft, dass Paris endlich den Mut findet, Arbeitsmarktreformen vom Stapel laufen zu lassen, wie man sie in Deutschland unter der Überschrift „Agenda 2010“ erlebt hat. Das Problem ist: Wir schreiben bereits das Jahr 2013.

Frankreich steht inzwischen als Spätzünder in Europa da. Noch immer wollen die regierenden Sozialisten den Mut nicht aufbringen, den Konflikt mit den Gewerkschaften zu wagen; tatsächlich hätte das Land, wenn es auf einen neuen Kurs ginge, zumindest am Anfang massive Demonstrationen zu fürchten. Ähnlich wie zuvor in Griechenland, Italien oder Spanien könnte es zu Kundgebungen gegen Angela Merkel kommen; schon heute erscheint sie vielen Franzosen als Symbolfigur für einen aus ihrer Sicht allzu strengen, möglicherweise unsozialen Sparkurs.

Doch es gibt auch starke Kräfte in Frankreich, die auf die Erfolge der deutschen Politik verweisen und sie für besonders effektiv halten. Derzeit blicken beide Lager innerhalb Frankreichs auf einen Wahltermin außerhalb Frankreichs: den 22. September.

Von Birgit Holzer

03.09.2013
03.09.2013
Meinung FDP, Grüne, Linke - Kleiner und klarer
03.09.2013