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Meinung Bahlsen-Keks: Das moderne Märchen von Hannover
Nachrichten Meinung Bahlsen-Keks: Das moderne Märchen von Hannover
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21:56 05.02.2013
Hannover im Fokus: Der Bahlsen-Keks sorgt für Aufmerksamkeit.
Hannover im Fokus: Der Bahlsen-Keks sorgt für Aufmerksamkeit. Quelle: Thomas
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Hannover

Schlosseröffnung, Landtagswahl, Trennung im Hause Wulff: Die Stadt Hannover bot in den vergangenen Wochen genügend Anlässe, um Stammtische und überregionale Medien zu beschäftigen. Doch das internationale Interesse weckte vor allem ein Kerl mit blauem Fell, irrem Blick und fragwürdigen Ernährungsgewohnheiten: der Keksdieb von Hannover, verkleidet als Krümelmonster aus der „Sesamstraße“. Was immer man von dem großen Unbekannten halten mag - er hat die Medien und die Menschen bewegt. Auf den Coup des Diebstahls folgte der Clou einer Erpressung, die zwar in die Annalen der Stadt, aber nicht unbedingt in die der Kriminalgeschichte eingehen dürfte. Denn hier war weniger ein Verbrecher am Werk, sondern eher ein Scherzkeks, der die Klaviatur des modernen Marketings bestens zu bedienen versteht. Man nehme: einen international bekannten Sympathieträger wie eben jene Figur mit dem kuscheligen blauen Fell aus der „Sesamstraße“; dazu ein Objekt der Begierde - als Symbol für all unsere kleinen Verfehlungen und sympathischen Laster. Der eine mag guten Rotwein, der andere schnelle Autos, der Dritte gutes Essen. Oder anders gesagt: Der Mensch strebt nach Keksen. Wer will da dem Krümelmonster seine kleine Schwäche übel nehmen? Zumal wenn es dann auch noch vorgibt, den Kindern (des Krankenhauses auf der Bult) und den Tieren (im Tierheim Krähenwinkel) Gutes tun zu wollen. Und mittendrin die Firma Bahlsen, der die Gelegenheit gegeben wird, sich einmal mehr als Wohltäter zu zeigen; immerhin begegnete sie den Forderungen des Krümelmonsters mit der Ankündigung, 52000 Kekse für soziale Einrichtungen zu spendieren. Wenn man so will, tickten der Erpresser und das Unternehmen in dieser Angelegenheit ähnlich, und nicht zufällig musste sich Bahlsen des Verdachts erwehren, das Keksdrama selbst inszeniert zu haben. Wer aber den Firmenchef Werner Michael Bahlsen in diesen Tagen erlebt hat, kommt schnell zu der Erkenntnis, dass ein solcher Gedanke abwegig ist.

Das "Krümelmonster" stahl im Januar 2013 den Keks vom Bahlsen-Stammhaus. Die ganze Affäre zum Nachlesen.

Wie auch immer - am Ende dieser ausgeklügelten Geschichte wird Hannover als Standort kreativer Wohltäter und Unternehmer mit Herz international wahrgenommen. Und der Backwarenspezialist braucht nicht länger zu erklären, warum er die Produktion von Weihnachtsgebäck erst einstellen wollte, um sie dann doch wieder aufzunehmen.

Die Unbekannten im Krümelmonsterkostüm können sich rühmen, den Robin-Hood-Ansatz weiterentwickelt zu haben. Es geht nun nicht mehr nur darum, die Reichen zu bestehlen, um den Armen zu helfen. Der Erpresste wird zum Schenkenden, der kühle (Unternehmer-)Kopf zum warmherzigen Spender.

Wer möchte da noch den Staatsanwalt oder die Gerichte auf den Plan rufen? Den Ordnungshütern, die die Sache natürlich ernsthaft verfolgen mussten und die mit aller Akribie alle Spuren am wiederaufgetauchten Keks sicherten, haben in diesen Tagen bestimmt keinen leichten Job gehabt. Gnade vor Recht kann es nicht geben, wenn wegen Diebstahls und Erpressung ermittelt werden muss. Da bleibt kein Platz für ein Schmunzeln - die Sprecherin der Polizei Hannover hat dies bei ihren Auftritten vor den Kameras der Fernsehsender durchaus eindrucksvoll demonstriert. Man wünscht sich nicht, dass auch noch Richter sich mit dem Fall befassen müssen.

Jetzt bleiben die Spekulationen, wer denn wohl hinter dem Keksraub steckt. Ist es Kabarettist Matthias Brodowy, der seinen Song „Stadt mit Keks“ bekannter machen möchte? Ist es die Leibniz-Gesellschaft? Die „Titanic“-Redaktion? Hannovers Tourismus-Manager Hans Christian Nolte, der sich über so viel Reklame nur freuen kann? Im Ernst: Allein die kleine Aufzählung zeigt, dass der Keks-Krimi viele Gewinner hat und keine Verlierer. Die Geschichte von Diebstahl und Rückgabe des goldenen Kekses kommt eher wie ein kleines, modernes Märchen daher. Viele haben sich daran erfreut. Aber man weiß auch: Fortsetzungen sind in diesem Genre eher nicht erfolgreich.

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