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07:57 16.11.2009
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Der Tod des Torwarts hat in Hannover und dem Land sehr viele Menschen so tief berührt, dass der Schmerz spürbar war, die Stadt stiller schien und die Menschen zusammengerückt. Aus der Gemeinschaft der Fans von Hannover 96, die oft genug in der Vergangenheit brüchig war, wurde eine Trauergemeinde, die weit hineinreichte in eine Stadtgesellschaft, die sich sonst eigentlich ganz anderen Aufgaben stellt. So sehr das Wort von der Fassungslosigkeit über den Tod Enkes um sich griff, so sehr staunten viele über die Gefühle, die sich Bahn brachen unter dem Firnis des Alltags: Hunderte fanden sich am vergangenen Mittwoch in der Marktkirche zur Trauerandacht zusammen, Tausende zündeten vor der AWD-Arena Kerzen an, 35 000 Menschen zogen in einem spontanen Trauermarsch durch die Innenstadt – Hannover lebte in einem Ausnahmezustand.

Für die einen war er befreiend, weil sich der Schock nach dem Selbstmord des Nationaltorhüters gemeinsam mit vielen besser bewältigen, sich Trauer mit vielen teilen ließ. Für andere war die Massendemonstration von Trauer zutiefst irritierend, sie blickten skeptisch, tatsächlich auch ablehnend auf diese Manifestation von Mitgefühl, die ihnen unangemessen, übertrieben und taktlos erschien. Hunderttausend Menschen wurden am Sonntag zur Trauerfeier in Hannover erwartet, eine Zahl am Freitag von der Polizei in die Medien gespült, die nicht zutraf, aber Wirkung zeigte: Der „Trauerfuror“ sei abstoßend, schrieb ein Autor der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, Enke tauge nicht zum Helden.

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Schon wieder ein Tabubruch, könnte man sagen, aber ein überflüssiger. Es gab ihn nicht, den „Furor“, die Raserei, die Wut, den Zwang zu trauern. Und jeder, der am Sonntag im Stadion war oder die Feier im Fernsehen verfolgte, konnte dies spüren. Die Trauergemeinde in der AWD-Arena, die wieder auf 35 000 Menschen angewachsen war, war so warmherzig, so ehrlich voller Mitgefühl und Respekt wie die einer familiären Feier in einer Dorfkapelle.

Die Tausenden spendeten immer wieder fast zarten, dann kräftigeren, ermutigenden Applaus, als hätten sie zuvor eine Choreografie einstudiert. Jede Beileidsbekundung der Trauerredner für Teresa Enke wurde mit Beifall unterstrichen, weil die Menschen nicht nur spürten, sondern wussten, dass Robert Enkes Witwe diese Stütze brauchte, weil ihre Beschreibung als besonders starke Frau schon wieder Gefahr läuft, sie zu überhöhen, zur Heldin zu stilisieren, die sie nicht sein will und die sie nicht ist.

Tausende Menschen haben ihr am Sonntag ihren ganz persönlichen Dank ausgesprochen, weil sie ihren Ehemann Robert nicht verklärt, sondern ihn erklärt hat: Ein Held? Nein, aber eine große, außergewöhnliche Persönlichkeit, ein Torwart, der seinesgleichen sucht, ein Mensch, der liebte und geliebt wurde und doch verloren war. Dieses Schicksal rührt an, es erreicht das Innerste vieler Menschen, selbst dann, wenn es abgekapselt und armiert ist, weil alltags niemand wunde Stellen zu erkennen geben will.

Die Menschen in der Arena – die Fans, die Spieler und Verantwortlichen von Hannover 96, die Nationalelf, DFB-Chef Theo Zwanziger oder die Politiker – sie waren nicht Teil eines „Trauerfurors“, sondern tatsächlich eines würdevollen kathartischen, eines seelisch reinigenden Rituals, das selbst in seiner Größe angemessen war. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass eines verstorbenen Fußballspielers in Deutschland in dieser Weise gedacht werden würde. Aber es war eben nicht ein Idol, sondern der ins Bodenlose gestürzte Mensch Robert Enke, dem die Trauernden nah sein wollten und der sie bewegte, ihm beizustehen.

Wer dem Tag, an dem Hannover von Robert Enke Abschied nahm, dennoch kritisch gegenübersteht, sollte nicht aus den Augen verlieren, dass die Feier vielen Menschen geholfen hat. Ihnen hilft, in den Alltag zurückzukehren, in dem sich die vielen klugen Ratschläge und Mahnungen der Trauerredner bewähren müssen.

Dies jedoch ist ungleich schwerer als die Organisation einer Trauerfeier auf einem Fußballplatz, die ohne Beispiel war, mit der Hannover 96 sich aber in einem der dunkelsten Momente der Vereinsgeschichte als würdig erwiesen hat. Nicht nur als würdig, in der 1. Liga zu spielen.

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