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Meinung Triumph im Trümmerfeld
Nachrichten Meinung Triumph im Trümmerfeld
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00:15 25.09.2013
Von Matthias Koch
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Noch nie hat Angela Merkel einen so grandiosen Wahlsieg hingelegt. Erstmals seit der Ära Helmut Kohl schoss das CDU-Bundestagswahlergebnis über die 40-Prozent-Marke hinaus. Sogar die absolute Mehrheit kam zeitweilig in Sichtweite. Der Jubel in der CDU-Zentrale in Berlin kannte keine Grenzen.

Gejubelt haben einst auch die Gewinner der Schlacht von Asculum. Damals, im Jahr 279 vor Christus, wurde als Sieger ein griechischer König gefeiert, der mit 25 000 Mann und 20 Kriegselefanten erfolgreich gegen die Römer angetreten war. Doch nach der Schlacht erwiesen sich die Verluste in den Reihen der Griechen als so massiv, dass schon bald die Ahnung um sich griff, der Krieg als Ganzes werde trotz dieser gewonnenen Schlacht verloren gehen. Der Name des damaligen Siegers war Pyrrhus.
Ist Merkels Sieg ein Pyrrhussieg? Im Moment der gewonnenen Schlacht ist das noch nicht leicht zu sagen.

Einerseits ist Merkel soeben als zentrale Figur der politischen Macht in Deutschland deutlich gestärkt worden. Im Ausland wird man das Resultat ohne Zögern so deuten, wie es auch von den deutschen Wählern gemeint ist: Die Kanzlerin, seit nunmehr acht Jahren die einflussreichste europäische Regierungschefin, soll und wird auch weiter am Ruder bleiben. Ob und mit wem sie zu Hause in ihrem Parlament koalieren muss, interessiert weltweit nur am Rande.

Andererseits hat der Wahltag innenpolitisch ein wahres Beben ausgelöst. Die FDP wurde glatt vom Erdboden verschluckt. Der mühsame Neuanfang der Liberalen muss Sache neuer Leute sein. Spitzenkandidat Rainer Brüderle und Parteichef Philipp Rösler sahen gestern aus wie bei einer Beerdigung. Beide wissen, was zu tun ist. Sie haben nach diesem historischen Desaster jedenfalls jeden Anspruch verloren, dem Rest ihrer siechen Partei noch irgendwelche Wegweisungen zu geben.
Eine Zeit zum Beiseitetreten wäre eigentlich auch für den weiterhin erstaunlich selbstgerechten Jürgen Trittin gekommen. Er hat die Grünen, denen noch vor zwei Jahren 20 Prozent und mehr zugetraut wurden, nach und nach gleichsam in den Keller geführt. Erst hat er die Aufhellung der Pädophiliedebatte dummerweise bis ins Wahljahr verschleppt, dann verschreckte er Teile der eigenen Wähler mit Steuererhöhungsplänen.

Lange Gesichter gibt es jetzt auch im Klub der klugen Professoren und ihrer Anti-Euro-Partei AfD. Politik muss sich, auch wenn man sie gerade mit großer Geste neu erfinden will, an ihren Ergebnissen messen lassen. Was hat die fabelhafte neue Partei erreicht? Wird Deutschland nach diesem Wahlabend eine härtere Linie gegenüber Südeuropa einschlagen? Wird Berlins Sparkurs strenger? Eher im Gegenteil. Denn die AfD hat erstens dazu beigetragen, die FDP unter fünf Prozent zu ziehen, und sie ist zweitens auch ihrerseits an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Unterm Strich hat die AfD bewirkt, dass in Deutschland zusammen fast zehn Prozent der Stimmen ausgerechnet von bürgerlichen Wählern wirkungslos verpufft sind.

Merkel feiert ihren Triumph also in einem Trümmerfeld. Im ersten Moment mag sie es mit einem Achselzucken quittieren, dass die Union vor einer Woche in Bayern und nun auch im Bund und in Hessen die FDP verloren hat. Doch die Christdemokraten werden noch entdecken, dass im Verschwinden ihres über Jahrzehnte bequemsten und verlässlichsten Partners auch eine strukturelle Schwächung ihrer eigenen Partei liegt.

Schon streicht sich ein anderer, der das Beben immerhin leidlich überstanden hat, den Staub vom Jackett. Sigmar Gabriel wird, wie es aussieht, in Zukunft eine große Rolle spielen und mehr Macht entfalten können, als es das immer noch sehr schwache SPD-Ergebnis nahelegt. Zwar ist zunächst, wie Gabriel sagt, in der Tat Merkel „am Zug“. Will sie es mit Schwarz-Grün versuchen, der einzigen kleinen Koalition, die ihr bleibt? Dann könnte Gabriel im Bundesrat die Signale auf Rot stellen. Will Merkel Schwarz-Rot? Dann kann sie weiter regieren - solange sie Gabriels Vorgaben erfüllt.

Die eigentliche Alternative für Deutschland liegt in einer Aktivierung der rot-rot-grünen Mehrheit im neuen Bundestag. Noch ist Gabriel an seine Ansage gebunden, wonach ein Bündnis mit der Linkspartei ausgeschlossen sei. Doch Jahr für Jahr wird man dies in allen beteiligten Parteien immer lockerer sehen. Im Fall des siegreichen Pyrrhus dauerte es übrigens geschlagene vier Jahre, bis seine historische Niederlage feststand.

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