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21:59 31.01.2011
Von Gabi Stief

Seine Begründung war relativ schlicht. Wenn genauso viele Frauen eine höhere Bildung vorweisen wie Männer, sei es nicht nachvollziehbar, warum Aufsichtsräte noch reine Männerklubs sind. 2006 wurde das Vorgehen verschärft. Den Quotenwiderständlern drohte die Regierung mit Auflösung. Heute spricht niemand mehr darüber. 40 Prozent der Führungsleute aller börsennotierten Unternehmen in Norwegen sind weiblich; 2003 waren es sechs Prozent.

Und Deutschland? Das Land wird von einer Frau regiert, in der Wirtschaft herrschen die Männer. 3,2 Prozent aller Vorstände der 200 größten Firmen sind Frauen; 29 von 906 tragen einen weiblichen Vornamen. Nur zwei dieser Topunternehmen haben eine Aufsichtsratsvorsitzende; nur zehn Prozent der Aufseher sind Frauen, zumeist entsandt von den Gewerkschaften. Kürzlich erneuerte die Wirtschaft ihr zehn Jahre altes Versprechen, „eine angemessene Frauenbeteiligung anzustreben“. Es klingt nach guten Vorsätze fürs neue Jahr, die selten eingehalten werden.

Das Land wird von einer Frau regiert, ...

Frauen können nur hoffen, dass Norwegen Schule macht. Die Quote ist überfällig, aus vielerlei Gründen. Zum einen ist es eine Frage der Gerechtigkeit. Wenn die Wirtschaft nicht in der Lage ist, für eine gerechte Verteilung von Führungsposten zu sorgen, muss der Staat Druck machen. Zum anderen kann es sich Deutschland schlicht nicht mehr leisten, angesichts der demografischen Entwicklung und des drohenden Fachkräftemangels auf Frauen zu verzichten. Frauen an der Spitze eines Unternehmens motivieren andere Frauen, weil sie beweisen, dass Aufstieg möglich ist. Chefinnen verändern Strukturen, weil sie häufig gelernt haben, Schwerpunkte zu setzen und effizient zu arbeiten.

Mehr Frauen in der Topetage würden jene Vorurteile widerlegen, die aus Quotendebatten noch immer ideologische Scharmützel machen. Am populärsten ist die Mär, dass es nicht genug Frauen gibt. Jeder zweite Beschäftigte in der Finanzbranche ist weiblich, in den Bankvorständen liegt die Frauenpräsenz jedoch bei 2,9 Prozent. Ein wiederholter Einwand lautet, Frauen wollten keine Karriere machen. Richtig ist, dass der berufliche Erfolg häufig mit dem Wunsch konkurriert, für die Familie da zu sein und sich nicht zu verbiegen. Doch ist nur derjenige ein guter Chef, der den Willen zum Aufstieg über alles stellt?

Anders gesagt: Es fehlt nicht an Bewerberinnen, es fehlt an der Bereitschaft der Männer zur bunten Reihe. Gäbe es eine gesetzlich verordnete Frauenförderung, würde sich dies ändern. Diese Erkenntnis setzt sich zunehmend durch; aus Quotengegnern werden Befürworter. Im vergangenen Jahr forderten die Landesjustizminister eine gesetzliche Regelung. In diesen Tagen schloss sich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen der Bewegung an. Doch ob sie sich im Kabinett durchsetzt, ist offen. Die Justizministerin will bis 2012 warten. Die Frauenministerin hält eine Selbstverpflichtung, gesetzlich fixiert, für die bessere Lösung. Und die Kanzlerin? Das Thema sei „komplex“ und müsse diskutiert werden, lässt Angela Merkel mitteilen.

... in der Wirtschaft herrschen Männer

Sicher ist, auch in der Koalition gibt es für den Vorstoß der Arbeitsministerin derzeit keine Mehrheit. Die Union schwankt; die FDP ist bekanntermaßen Gegnerin jeglicher Quoten, sei es parteiintern oder in der Wirtschaft. Als starker Verbündeter könnte sich Europa erweisen. In Brüssel hat sich nun auch Michel Barnier, zuständiger Kommissar für den Binnenmarkt, als Frauenförderer geoutet. Im April will er einen Vorschlag für die Einführung einer EU-weiten Quote vorlegen.

Deutschland hat also nicht mehr viel Zeit, selbst die Route zu bestimmen, um bei der Präsenz von Frauen in Führungspositionen endlich ins vordere Feld der internationalen Liga aufzurücken – raus aus dem Bummelzug, in dem man sich die Plätze mit Indien, hinter Brasilien, China und Russland teilt. Die Quote ist eine Krücke. Aber sie wird weder die Wirtschaft – siehe Norwegen – in den Abgrund reißen, noch wird sie Frauen zu Alibifrauen degradieren. Auch mit staatlich verordneter Förderung zählt am Ende nur die Leistung. Irgendwann ist die Krücke sogar überflüssig.

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