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Meinung Conrad von Meding über Hannovers Stadtteilstudie
Nachrichten Meinung Conrad von Meding über Hannovers Stadtteilstudie
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00:15 18.12.2012
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Es ist fast egal, welche statistische Karte man auf Hannovers Stadtplan projiziert: die mit der Wahlbeteiligung oder die mit den Einkommensverhältnissen - oder ganz aktuell die mit der Zufriedenheit der Stadtbevölkerung. Stets ergibt sich ein ähnliches Grundmuster. Im Nord- und im Südosten der Stadt leben die Menschen vielfach auf der Sonnenseite, verfügen über relativen Wohlstand und die Fähigkeit, ihre Interessen aktiv in der Stadtgesellschaft vorzubringen. Im Westen hingegen, vor allem im Nordwesten, droht die Lebenssituation für immer größere Teile der Bevölkerung ins Prekäre abzurutschen. Mal macht sich das fest an weichen Daten wie einer zunehmenden Unzufriedenheit mit dem Wohnumfeld oder der Stadt insgesamt. Der Trend zeigt sich aber auch in sinkenden Haushaltseinkommen, in zunehmender Arbeitslosigkeit oder eben im Rückzug von der gesellschaftlichen Mitsprache. Es ist ein Rückzug, der gesellschaftliche Sprengkraft entfalten kann und Beobachter ratlos zurücklässt.

Zum Beispiel Hainholz: Man kann achselzuckend zur Kenntnis nehmen, dass der Stadtteil im Nordwesten zur bevorstehenden Landtagswahl wahrscheinlich wieder die landesweite Unterkante der Wahlbeteiligung markieren wird. Man darf aber auch über dieses Zeichen der Frustration staunen. Denn seit Jahren fließt aus Steuergeld viel Unterstützung nach Hainholz. Dort wird investiert ins Freibad und in den Kulturtreff, der inzwischen zu den schönsten Hannovers zählt. In Hainholz ist das modernste Familienzentrum Hannovers entstanden, eine vollständige „Neue Mitte“ wird geschaffen. Von so viel Zuwendung aus lokalem Geld, Landes- und Bundesförderung können andere Stadtteile nur träumen. Und trotzdem sind die Bewohner laut Statistik unzufrieden. Ist das undankbar?

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Hainholz ist kein Einzelfall. Ebenso wie Stöcken, Bornum oder Linden-Süd zählt es zu den ehemaligen Industriearbeiterstadtteilen Hannovers. Hier wohnte, wer bei Conti oder VW, in „der Schmirgel“ (VSM), bei Varta, im Hafen oder auf dem Großmarkt arbeitete. Diese Arbeitswelt hat sich gewandelt - und mit ihr auch die Perspektive für die klassische, oft von Migrationshintergrund geprägte Bewohnerschaft.

Wer schaut, wo die zufriedenen Stadtteile Hannovers sind, der stößt schnell auf ein Merkmal, das mit Statistiken schwer zu fassen ist. Es sind die funktionierenden Netzwerke, die Kirchrode und Isernhagen-Süd, das Heideviertel oder Oststadt-List so stark machen. Es sind die guten Nachbarschaften, die das Leben in der Südstadt und Döhren, in Linden-Mitte und -Nord oder den bürgerlichen Teilen etwa von Herrenhausen und Bothfeld so lebenswert machen. All dies lässt sich selbst mit Fördermillionen nur schwer herstellen. Und kurzfristig schon gar nicht. Hannovers Problemstadtteile werden weiter viel Geld benötigen, um im Strukturwandel zu bestehen. In Vahrenheide oder Mittelfeld zeigt sich, wenn auch ganz langsam, dass sich die soziale Situation verbessert, wenn mit langem Atem stabilisiert wird. Vor allem aber ist stadtweite Solidarität nötig.

Das kann einerseits das gelebte Miteinander betreffen. Wer sieht, mit welcher Hingabe sich die Menschen in Hainholz etwa an den Stadtbildprojekten von Kunstprofessor Siegfried Neuenhausen beteiligen, der ahnt, wie wichtig solches Engagement für den Zusammenhalt der Stadt ist und welche Früchte es für die Entwicklung eines Gemeinsinns in Problemstadtteilen trägt. Hannover braucht viele Neuenhausens.

Hannover muss es in den nächsten Jahren aber auch aushalten, dass weiter viel Geld in die Problemstadtteile fließen wird - bei insgesamt zurückgehender öffentlicher Förderung. Manch eine Straße in Kirchrode oder der List wird holprig bleiben, manch ein Spielplatz in Kleefeld oder Döhren unsaniert, weil Geld in die Stadtteile fließt, in denen sich die Menschen derzeit noch kaum selbst helfen können.

Mit 89 Prozent amtlich festgestellter Zufriedenheit kann Hannover sich durchaus glücklich zeigen. Die Aufgabe der kommenden Jahre wird es sein, dafür zu sorgen, dass die Zufriedenheit möglichst gleichmäßig verteilt wird. Damit die Stadt in ihrer Gesamtheit lebenswert bleibt.

14.12.2012
Matthias Koch 13.12.2012