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Meinung Daniel Alexander Schacht über die Türkei und Deutschland
Nachrichten Meinung Daniel Alexander Schacht über die Türkei und Deutschland
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21:01 29.10.2012
Von Daniel Alexander Schacht
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Mit dem weltweit größten seiner Botschaftsgebäude zollt Ankara Berlin besonderen Respekt. Der hohen Wertschätzung entsprechend hat sich hoher Besuch angesagt: Der türkische Premierminister  Recep Tayyip Erdogan kommt heute nach Berlin, morgen trifft er Kanzlerin Angela Merkel.

Selten hat eine so bedeutsame deutsch-türkische Begegnung stattgefunden. Denn bei Erdogans Besuch in Berlin treffen sich jetzt die Regierenden der zwei politisch stabilsten und wirtschaftlich stärksten Staaten der Europäischen Union einerseits und des Nahen Ostens andererseits. Begegnet sind sich Merkel und Erdogan zwar schon oft. Oft gab es auch Differenzen. Aber mehr denn je findet ihr Treffen jetzt auf Augenhöhe statt. Und wenn die beiden ihre Blicke schweifen lassen, von der Schuldenkrise in der EU bis zum Syrienkonflikt, entdecken sie plötzlich mehr Gemeinsamkeiten als in früheren Zeiten.

Wichtiger als der EU-Beitritt ...

Die Basis des türkischen Selbstbewusstseins ist die Ökonomie. Vor allem wegen ihres großen Binnenmarktes und der jungen Bevölkerung wächst die türkische Wirtschaft seit zehn Jahren fast beständig, allein 2011 um 8,5 Prozent. Deutschland ist größtes Export- und zweitgrößtes Importland der Türkei, vor allem deutsche Auto- und Anlagenbauer erfreuen sich massiver Exportzuwächse. 

Solche Erfolge, gepaart mit der anhaltenden Euro-Krise, haben einen geradezu paradoxen Stimmungsumschwung bewirkt: Die Vollmitgliedschaft in der EU, jahrzehntelang größtes Herzensanliegen der Türkei, ist den Türken heute gar nicht mehr so wichtig. Einst war sie der Ansporn zu Reformen. Inzwischen aber schätzen die Türken die Reformerfolge um ihrer selbst willen. Denn die haben ihren Staat ziviler, pluralistischer, demokratischer gemacht – anders als die jahrzehntelang folgenlosen Lippenbekenntnisse verknöcherter Kemalisten zur Westorientierung. „Fiktion Okzident“: Unter diesem Titel räumte eine Ausstellung in Istanbul schon zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens auch mit Illusionen über den Westen auf.

Fiktion Okzident, Realität Orient: Die neue Türkei sieht sich eher als Führungsmacht im Nahen Osten denn als Juniorpartner des Westens. Und sie legitimiert diesen Anspruch durch praktisches Handeln: An die Stelle stumpfer Kumpanei mit arabischen Potentaten hat Erdogan den Rückhalt für Oppositionelle in Ägypten, Libyen oder Syrien gesetzt. Und diese Hilfen lassen auch den türkischen Weg, Islam und Demokratie zu vereinbaren, in hellerem Licht erscheinen – sogar Ägyptens Präsident Mohammed Mursi bekennt sich zur Türkei als politischem Vorbild.

... ist Ankaras neue Rolle in Nahost

Kein Wunder, dass Angela Merkel dem Treffen mit Erdogan entspannt entgegenblicken kann. Jenseits des diplomatischen Kammertons wird es dabei vor allem um Hilfen für syrische Flüchtlinge gehen und um die Eindämmung des türkisch-syrischen Konflikts. Der zeugt davon, dass das erklärte Ziel Ankaras, „null Probleme mit den Nachbarn“ zu haben, erst noch vom Wunsch zur Wirklichkeit werden muss, damit die Türkei tatsächlich als Nahost-Führungsmacht gelten kann. Dabei hat Ankara deutsche Hilfe verdient, zumal der Kanzlerin dafür quälende Debatten erspart bleiben, ob die von ihr vorgeschlagene „privilegierte Partnerschaft“ eine Alternative zu jener EU-Mitgliedschaft ist, die auf Ankaras Agenda längst deutlich weiter unten steht.

Gerade in der entspannten Atmosphäre dieser deutsch-türkischen Begegnung könnte Merkel aber auch Akzente für eine neue Partnerschaft setzen. So sind klare Regeln, die türkische Geschäftsleute und Akademiker zur Visafreiheit in der EU führen, seit Langem eine türkische Forderung – und Deutschland ist schon jetzt stärker auf Nachwuchs mit kultureller Kompetenz im Wachstumsmarkt Türkei angewiesen als weniger exportstarke EU-Länder. Hier könnte die Kanzlerin die architektonischen Brücken im neuen türkischen Botschaftsfoyer durch politische Brückenschläge ergänzen.

Matthias Koch 29.10.2012
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