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19:17 13.04.2015
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An diesem Mann kam keiner vorbei: Günter Grass war präsent, über Jahrzehnte. Er war mehr als ein Schriftsteller – er war eine moralische Instanz.

Dass der gebürtige Danziger dazu werden konnte, hatte mehrere Gründe: Er war selbstbewusst, politisch, meinungsstark und debattierfreudig - und er war von Anfang an der Mann, der zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war. Etwa dort, wo Autoren, wichtige Verleger und Literaturkritiker zusammenkamen - wie als junger Literat bei den Treffen der legendären „Gruppe 47“. Der temperamentvolle Autor wollte sich engagieren; so unterstützte er später die SPD, war aktiv in mehreren Schriftstellerverbänden und reiste als Repräsentant deutscher Autoren ins Ausland.

Grass mischte sich ein - und machte das ungeniert publik. Die Rolle der moralischen Instanz kam ins Wanken, als 2006 bei Erscheinen der Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ bekannt wurde, dass er als junger Mann bei der Waffen-SS gewesen war. Und, schlimmer noch, darüber lange geschwiegen hatte. Die Heftigkeit, mit der Medien und Leser auf Grass’ Autobiografie und vor drei Jahren auf sein israelkritisches Gedicht „Was gesagt werden muss“ reagierten, zeigt, wie ernst man ihn als „öffentliches Gewissen“ lange genommen hat.

Der Platz, den er über Jahrzehnte ausgefüllt hat, ist jetzt verwaist. Mit Grass ist auch eine Ära zu Ende gegangen. In der Bundesrepublik der Vorwendezeit und noch darüber hinaus haben Autoren wie Siegfried Lenz (Jahrgang 1926), Walter Jens (Jahrgang 1923) oder auch Heinrich Böll, geboren 1917, nicht nur geschrieben und veröffentlicht, sondern auch politisch Stellung bezogen. Diese Autoren sind tot.

Zweifelhaft, ob unter den jüngeren Schriftstellern jemand ist, der in die Position solch eines Mahners hineinwachsen kann und will. Grass selber hat sich gewünscht, dass auch jüngere Autoren sich engagieren. Vor zehn Jahren hat er angefangen, regelmäßig Kollegen zum „Lübecker Literaturtreffen“ einzuladen. Eva Menasse, Sherko Fatah und Matthias Politycki waren dort zu Gast. Ehrenwerte Autoren, doch weit von der manchmal anstrengenden, aber manchmal auch inspirierenden Debattierfreude eines Günter Grass entfernt.

Doch ist das wirklich schlimm? Sicher, es gibt in einer als unüberschaubar empfundenen Welt ein Bedürfnis nach Mahnern und Wächtern, wie Grass einer war. Autoren sind - gerade weil sie nicht in den politischen Tagesbetrieb eingebunden sind und sich mit einem Statement auch mal Zeit lassen können - gute Beobachter, die andere zum Nachdenken bringen können. Die jüngeren Autoren wollen vor allem als Literaten wahrgenommen werden, nicht als Meinungsmacher, die von oben herab sagen, wie es geht. Das ist verständlich; und es ist in Ordnung, wenn die Rolle der moralischen Instanz nicht wieder besetzt wird.

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