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Meinung Das Lena-Wunder
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22:06 30.05.2010
Von Imre Grimm
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Von einer „nationalen Aufgabe“ hatte ihr Entdecker Stefan Raab vorher gesprochen, und alle hatten gelächelt: Ach, der Raab wieder, geht’s nicht eine Nummer kleiner? Nun lächeln wieder alle, aber aus anderen Gründen. Er hat recht behalten.

Das Lena-Märchen hat sein Happy End. Mit ihrem unfassbaren Selbstbewusstsein hat diese 19-Jährige einen europäischen Nerv getroffen und Deutschland eine Nacht beschert, die nicht nur für die geschundene Grand-Prix-Seele, sondern auch für das nationale Selbstbewusstsein eine Wohltat war. Diese Nacht lehrt uns, dass Dinge mit Leichtigkeit gelingen können. Dass auch Deutschland Freunde hat, wenn es sich nur um sie bemüht. Dass die verzweifelte Verbissenheit eines Ralph Siegels Vergangenheit ist, dass Charme und Lockerheit die Zukunft gehören. Insofern ist Lenas Sieg ein kleines Wunder – und eine Zäsur in der Entwicklung der Deutschen von einer verunsicherten, mäkeligen, gelegentlich humorlosen Nachkriegsgesellschaft hin zu einem modernen, kulturell offenen Land. Zielstrebigkeit und fröhliche Verspieltheit – dass beides kein Widerspruch sein muss, lebt Lena vor.

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Siegeszug der Sympathie

Ein solcher Siegeszug der Sympathie einer einzelnen Person ist ohne Beispiel in Deutschland. Nur wenige Wochen brauchte die Schülerin, um ein ganzes Land um den Finger zu wickeln. Das zeigt auch, wie groß die Sehnsucht war nach einem Märchen, nach einem Traum von Unschuld in Zeiten von Finanzkrise, Terrorismus und Krieg. Den Eurovision Song Contest konnte man immer als Kaleidoskop der europäischen Befindlichkeiten lesen, als Spiegelbild der musikalischen Annäherung. Er war damit fast eine Art kultureller Gegenpol zum politischen Einigungsprozess Europas. Nun hat Deutschland auch hier seinen Platz gefunden, hat nach links und rechts genickt und ist angekommen in der Normalität als Land unter Gleichen. Die Zeit der Selbstkasteiung ist vorbei.

Lena hat nicht mit dem Boulevard paktiert, nicht mit „Bild“, nicht mit „RTL“. Sie hat sich aller Schlagerseligkeit verweigert. Sie hat ihre Seele nicht dem Teufel verkauft. Auch dafür lieben sie die Menschen. Sie drängelte sich nicht mit inszeniertem Privatleben ins Blitzlicht, sondern punktete allein mit Persönlichkeit, ihrem Schneewittchen-Charme und weiblichem Selbstbewusstsein. Ihr Triumph in Oslo nährt die Hoffnung, dass sich etwas verändert hat im Showgeschäft, dass Echtheit und Ehrlichkeit inzwischen mehr zählen als plumper, sexistischer Affekt aus dem Hause Bohlen. Ihr Sieg war auch ein Sieg einer jungen, selbstironischen Frau über einen humorlosen Kommerz und über die Schlager-Schunkel-Welt. Es ist viel Zeit vergangen seit Nicoles Rüschenbluse.

Wiedersehen in Hannover

Die lange umstrittene Allianz zwischen der ARD und PRO7 war ein Volltreffer. Die ARD müsse sich Jugendlichkeit und Kompetenz bei der Konkurrenz einkaufen, spöttelte die Medienwelt vorher. Aber das erste öffentlich-rechtlich-private Fernseh-Joint-Venture der deutschen TV-Geschichte hat funktioniert. Viele schreiben den Erfolg auf ihre Fahnen, aber er hat nur einen wahren Vater, und der heißt Stefan Raab. Seinem Gespür, seinem Ehrgeiz und auch seiner Hartnäckigkeit verdankt das Land den Triumph von Oslo. Er stampfte in Rekordzeit ein Showformat aus dem Boden, das die Musikalität ehrte und den Menschen ernst nahm. Sein Lohn hieß: Lena. Aber sie war nie seine Marionette. Es war eine musikalische Verschwörung auf Augenhöhe.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass das ewig missverstandene Hannover einen solchen Sympathieträger hervorbringt. Umso heftiger fällt die Umarmung zwischen Stadt und Star aus. Natürlich gibt es nur eine Stadt, in der der Eurovision Song Contest 2011 ausgetragen werden kann. Diese Stadt heißt nicht Berlin, sie heißt auch nicht Hamburg. Sie heißt Hannover. Der NDR könnte einmal beweisen, dass er seinen Hamburg-Zentralismus aufzugeben imstande ist. Lenas Heimatstadt hat das verdient, sie hat mit 20.000 Menschen auf dem Trammplatz gezeigt, dass sie mitfiebert, mithofft, mitlebt. Selbst Raab fragte in Oslo: „Warum nicht Hannover?“ Es wirkte, als wolle er seinen nicht geringen Einfluss geltend machen, um seiner Heldin diesen Wunsch zu erfüllen. Wir sehen uns im Mai 2011 in der TUI Arena.

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