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21:59 13.02.2015
Von Hendrik Brandt
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Sie liegen bei einer Fachfirma in der Nordstadt und sind so fast etwas wie die letzte Hoffnung: Wenigstens die zeitgenössischen Fassadenplatten sollen am künftigen Plenarsaal des Landtags wieder an jenen Bau erinnern, mit dem der hannoversche Architekt Dieter Oesterlen 1962 das historische Leineschloss nach Osten hin komplettierte und der bis ins vergangenen Jahr hinein für die Parlamentsarbeit genutzt wurde. Ein paar Fassadenplatten – das ist nicht viel, wenn man bedenkt, was für einen Aufstand um das Gebäude gemacht wurde, als ihm der offizielle Abriss drohte. Gegner wie Anhänger des Saales verkämpften sich in der Frage der Erhaltung des Baus so sehr, dass am Ende auch aus Kostengründen ein Kompromiss herauskam: Die alte Form wird bewahrt – und innen wird alles ganz anders.

De facto ist Oesterlens Bau doch längst verschwunden

Nun stellt sich heraus: Damit das gelingen kann, bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. De facto ist Oesterlens Gebäude, das ja aus weit mehr als dem  Beton und einer Fassade bestand, längst verschwunden. Der Rest muss nun womöglich auch noch neu hochgezogen oder zumindest mit zusätzlichem Millionenaufwand restauriert werden. Ist das der Schutz eines Denkmals, für den seinerzeit so viele Hannoveraner mit guten Argumenten von Architekten und Juristen gestritten haben?

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Es kommt darauf an. So würden in diesem Fall nicht nur Juristen, sondern auch Denkmalschützer antworten. Wer diesen Beruf ergreift, muss ohnehin leidensfähig sein. Denn je größer die wirtschaftliche oder politische Macht des Gegenübers ist, desto geringer wird der eigene Einfluss. Auch deshalb war es ja ein bemerkenswerter Sieg für das richtige Prinzip des Denkmalschutzes, dass der Landtag seinerzeit eben nicht mit seinem die eigenen Gesetze missachtenden Abrissbeschluss erfolgreich gewesen ist.

Denkmalpflege taugt nicht für ideologische Debatten

Aber mehr dann auch nicht. Denn so ist das eben mit Prinzipien: Wer sie reitet, muss  auch bedenken, wo er landet. Jetzt ist der Oesterlen-Anbau am Leineschloss fast verschwunden – aller Architektenlyrik von der letztlich erhaltenen Kubatur zum Trotz. Was immer nun neu entsteht, wird mit Gestaltung und Geist des historischen Gebäudes nur die Hülle gemein haben. Das muss kein Problem sein – der alte Saal war von allem Anfang an wenig zweckdienlich und in seinen späten Jahren eine Zumutung für alle, die dort arbeiten mussten. Aber: Der neue Plenarsaal wird nun eben so historisch sein wie das Schloss in Herrenhausen oder jenes in Braunschweig, die beide ihre sehr unterschiedlichen Funktionen gut erfüllen. Als Neubauten.

Der Fall zeigt, dass Denkmalpflege nicht für ideologische Debatten taugt. Dass eine Gesellschaft ihren historischen Baubestand pflegt und, anders als noch in den frühen Jahren der Bundesrepublik, staatlich über ihn wacht, ist eine Errungenschaft. Zuviel beachtliche Bausubstanz ist – gerade auch in Hannover – von allzu forschen Planern und Profiteuren seinerzeit vernichtet worden. Das ist zu Ende – gut so.

Der wirtschaftliche Unsinn sollte rasch beendet werden

Doch darf sich der Denkmalschutz eben auch nicht wie beim Landtag in die Tasche lügen. Was nicht sinnvoll zu erhalten ist, weil es nicht funktioniert oder nicht zu bezahlen ist, muss in einem geordneten Verfahren umgebaut werden oder sogar weichen dürfen. Im privaten Bereich funktioniert das meist – wenngleich es zuweilen Glücksache ist, ob die Eigentümer auf einen klugen oder einen anderen Denkmalpfleger treffen. Beim Staat jedoch, wenn es ums Steuergeld geht, fehlt diese Bereitschaft zur rationalen Abwägung auf allen Seiten. Das hat der Streit um den Landtag gezeigt – und die Debatte ums hannoversche Bauamt am neuen Rathaus zeigt es wieder. Auch hier sollen jetzt Millionen in die scheinbare Erhaltung eines Nachkriegsbaus fließen, der ganz offensichtlich am Ende ist. Das ist wirtschaftlicher Unsinn. Er sollte beendet werden, bevor es wieder zum bösen Erwachen kommt.

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