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Meinung Der schmale Grat des Wohlstands
Nachrichten Meinung Der schmale Grat des Wohlstands
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22:09 23.04.2015
Von Udo Harms
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Hannover

Erst vor ein paar Tagen hat es wieder eine Studie belegt: Die meisten Deutschen haben große Zukunftssorgen, bei vielen geht es dabei vor allem um die Angst vor Verarmung. Das steht in einem eigentümlichen Gegensatz zu den aktuellen Wirtschaftsdaten. Demnach gibt es einen Beschäftigungsboom, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen, die Wirtschaft wächst um bis zu 2 Prozent, die Steuereinnahmen liegen auf Rekordniveau - und das wird Prognosen zufolge auch 2016 noch so sein.

Woher kommt dieses Gefühl, ständig bedroht zu sein? Es gibt die Erfahrung, dass auf gute Zeiten oft schwere Krisen folgen. Und das Misstrauen, dass die Politik dies nicht verhindern kann. Hinzu kommen die Kriege in der Welt, Umweltzerstörung und die allzu menschliche Sorge um die Gesundheit. Beim Geld sind andere Gründe wichtiger: Zu viele Menschen müssen nach wie vor von sehr geringen Einkommen leben. Und wer Geld beiseitelegen kann, stellt ernüchtert fest, dass sein Erspartes wegen der niedrigen Zinsen real an Wert verliert.

Deutschland profitiert von der Euro-Krise - und leidet darunter. Weil wegen der Krise deutsche Staatsanleihen heiß begehrt sind, ist die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen auf 0,1 Prozent gefallen. Der Staat refinanziert sich also fast zinsfrei. Und weil die EZB mit ihrer radikalen Anti-Krisen-Geldpolitik die Zinsen auf Sparanlagen auf Tiefstkurse drückt, erleben deutsche Sparer gerade eine gigantische Enteignungswelle. Schon geraten auch Lebensversicherer in Bedrängnis, weil sie die Zinsen, die sie ihren Kunden per Gesetz garantieren müssen, kaum noch erwirtschaften können. Immer mehr Anleger flüchten wegen des Anlage-Notstands inzwischen an die Börse - dort sprudeln die Kursgewinne noch, aber in einem Ausmaß, das zunehmend ungesund erscheint.

Die Sorgen der Deutschen sind also nicht unbegründet, auch wenn hierzulande oft auf hohem Niveau gejammert wird. Die Politik könnte gegensteuern, indem sie für Entlastung vor allem bei denen sorgt, die es nötig haben. So wird seit Jahrzehnten über eine grundlegende Reform des Steuer- und Abgabensystems diskutiert. Jetzt, da der Staat erstmals wieder ohne neue Schulden auskommt, gibt es keinen Grund mehr, das Projekt aufzuschieben. Am Ende sollten dabei gerade die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen profitieren. Im Idealfall wird das Steuerrecht nachhaltig vereinfacht - und die Steuerzahler haben am Ende netto mehr Geld in der Tasche. Das wäre eine gute Möglichkeit, die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen.

Klaus Wallbaum 22.04.2015
Michael B. Berger 22.04.2015
Hendrik Brandt 21.04.2015