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Meinung Die Trio-Theorie
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21:47 11.07.2013
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Manfred Götzl ist ein Mann klarer Worte. Wie Giftpfeile flogen seine schulmeisterlichen Belehrungen in den vergangenen Tagen durch den Gerichtssaal. Mal rät der Vorsitzende Richter im NSU-Prozess den Anwälten der Nebenklage, sich anständig vorzubereiten. Mal rügt er, sie sollten vernünftige Fragen stellen – oder es gleich sein lassen. Wer sich dennoch mit dem impulsiven Götzl anlegt, kann schnell enden wie zuletzt Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl: Der ist nach einem denkwürdigen verbalen Gefecht mit dem Vorsitzenden und offen artikulierten Erschöpfungszuständen in den Urlaub gefahren. Ein Zeichen von Schwäche? Von Ignoranz? Oder schon Resignation?

Die angeblich verschwiegene Bande ...

Götzls Watschen sind nicht einfach Ausdruck von Grobheit. Sie sind ein Indiz dafür, unter welch immensem Druck das Gericht und letztlich die deutsche Justiz in diesem Prozess steht. Der Staat ist doppelt unter Druck: Er will nach der gescheiterten Aufklärung der NSU-Mordserie und in Ermangelung der Haupttäter Mundlos und Böhnhardt nun der Komplizin Zschäpe den zehnfachen Mord nachweisen, obwohl sie wohl nicht direkt an einem Übergriff beteiligt war. Die Phalanx der Nebenkläger dokumentiert noch einmal das Staatsversagen bei der Aufklärung – und stört mit emotionalen Nachfragen die rationale Aufarbeitung. Auch wenn der Begriff juristisch unscharf ist: Die Nebenkläger haben nicht ganz unrecht, wenn sie inzwischen von einem „täterorientierten Prozess“ sprechen. Die Interessen der Opfer spielen vor Gericht keine nachhaltige Rolle.

Im Fokus steht Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte, die alles weiß und nichts sagt. Sie hat sich vor Gericht endgültig zum Mysterium entwickelt. Sie scherzt mit ihren Anwälten und Polizeibeamten. Den Opfern schaut sie unbeteiligt in die Augen. Mal zeigt sie lebhaftes Interesse für den Gang der Verhandlung, im nächsten Moment wirkt sie abwesend. Sie demonstriert Stärke im Gerichtssaal und bricht anschließend im Hinterzimmer zusammen. Sie schreibt mehrdeutige Briefe aus der Haft, die von Intelligenz und menschlicher Wärme zeugen, aus denen aber auch eine perfide Verschlagenheit spricht. Ein unergründliches Wesen?

Mitnichten. Beate Zschäpe wirkt in ihrer ganzen Erscheinung so erschreckend normal, dass Hannah Arendts Begriff von der „Banalität des Bösen“ wieder die Runde macht. Da sitzt kein exotisches Monster auf der Anklagebank. Beate Zschäpe wurde in der DDR sozialisiert, geriet nach der politischen Wende in eine fragwürdige Szene, fand genau dort die falschen Freunde – und am Ende nicht mehr den Ausgang. Es mag Momente der Reue in ihr geben – Äußerungen aus der Haft deuten dies an –, doch es gibt keinen ernsthaften Willen zur Buße. Stattdessen überwiegt das trotzige Bekenntnis zum eigenen Lebensweg.

... hatte viele Mitwisser

Weil Zschäpe nichts sagt und viele Zeugen ohnehin wenig zu sagen haben, sollen es in der Schuldfrage vor allem Holger G. und Carsten S. richten. Die beiden Mitangeklagten sind die wohl wichtigsten Zeugen. Doch in ihren Aussagen haben sie Zschäpe zwar belastet, aber nicht in dem von der Staatsanwaltschaft erhofften Ausmaß. Bundesanwalt Herbert Diemer wirkte verzweifelt, als er kürzlich Zschäpes selbst gebackenen Kuchen bei einem der Treffen mit Holger G. als Beleg für ihre Mittäterschaft wertete.

Die eigentliche „Leistung“ der beiden „Aussteiger“ liegt dagegen auf einem anderen Feld – und sie trägt zur gesteigerten Drucksituation vor Gericht bei: Carsten S. und Holger G. haben ein Grundtheorem der Anklage ins Wanken gebracht. Bisher wurde davon ausgegangen, dass ein radikalisiertes Trio aus dem Untergrund heraus ohne direkte Unterstützer die Taten verübte und der Staat davon nichts wissen konnte, weil die rechte Szene selbst auch nichts wusste. Doch wie glaubwürdig ist das noch? 500 Personen werden inzwischen dem mittelbaren NSU-Umfeld zugerechnet. Fast 40 V-Leute der Sicherheitsbehörden waren darunter, einige davon dicht dran. Sie wussten von der Radikalisierung des Trios. Carsten S. hat vor Gericht wichtige Details der Unterstützerszene geschildert, einen Anwerbeversuch des Verfassungsschutzes beschrieben und nebenbei einen weiteren Anschlag aufgedeckt.

Es spricht viel dafür, dass die Trio-Theorie nicht zu halten ist. Die staatlichen Organe werden sich eingestehen müssen, dass sie mehr hätten wissen müssen und alle vorhandenen Anhaltspunkte übersehen haben. Abseits von der Schuldfrage würde das die Aufarbeitung der Geschehnisse voranbringen.

Patrick Tiede

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