Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Die seltene Stille
Nachrichten Meinung Die seltene Stille
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:43 12.11.2009
Von Tatjana Riegler
Anzeige

Es ist eine bemerkenswerte wie einmalige Tatsache: Der deutsche Profifußball hat sich entschlossen, nach dem Tod Robert Enkes sein Getriebe einmal anzuhalten. Das Freundschaftsspiel gegen Chile findet nicht statt, weil Enkes Fußballkollegen noch nicht wieder an Fußball denken möchten – ihre Traurigkeit wiegt mehr als hoch dotierte Verträge mit Fernsehpartnern und Sponsoren.

Feierliche Versprechen genügen nicht

Ein solches Zeichen ist dem Fußball, ist dem Sport selten gelungen. Man denke nur an die Olympischen Spiele von München 1972 und das Attentat auf die israelische Mannschaft: „The games must go on“, verkündete Avery Brundage, damals Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Nach dem Tod von 17 Menschen, darunter elf israelische Athleten, hielt der Sport einen halben Tag inne. Nach der Heysel-Stadion-Katastrophe in Brüssel mit 39 Toten und 454 Verletzten, ausgelöst von randalierenden Fans, wurde das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister 1985 mit eineinhalb Stunden Verspätung angepfiffen. Und selbst am 11. September 2001 schaffte es der Fußball nicht, innezuhalten: Am Tag der Terroranschläge auf die USA hielt die Europäische Fußball-Union am Spielbetrieb fest; Erst am nächsten Morgen sagte sie alle Partien in Champions League und UEFA-Cup ab. Die Bundesligisten kickten weiter, mit Trauerflor.

Jetzt aber ruht der Ball. Der Tod Robert Enkes schafft eine seltene Stille in diesem lauten, überhitzten Fußballbetrieb. Die Stille ist heilsam für alle Beteiligten. Die millionenschweren Hauptakteure, die überhöhten Idole, erscheinen uns plötzlich als Menschen, die der Empathie fähig sind. Die Stille schafft Nähe, und sie bietet allen eine einmalige Chance: zum Nachdenken.

Der Tod Enkes hat uns alle erschaudern lassen. Und was jetzt? Es kann nicht dabei bleiben, dass jeder jedem feierlich versichert, man dürfe psychische Krankheiten nicht zum Tabu erklären. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der sich endlich auch in der Realität etwas ändern muss.

Wer redet statt zu schweigen, muss nach wie vor mit Nachteilen rechnen, mit Spott, mit dem Karriereende wie der Fußballer Sebastian Deisler. Der Respekt für Ehrlichkeit, für Wahrhaftigkeit bleibt meist aus. Viele kennen das aus ihrem Berufsleben: Oft machen die Blender die Karrieren, die Redlichen bleiben zurück. Der Spitzensport ist die XXL-Version unserer Leistungsgesellschaft: Wer’s nicht bringt, gilt als gescheitert. Unter dem Brennglas der Öffentlichkeit wiegt jedes Zeichen von Schwäche doppelt und dreifach. Sportstars können sich nicht mal eben eine Auszeit nehmen, um in Abgeschiedenheit zu gesunden. Sie werden permanent beobachtet und nach ihrer Leistung beurteilt. Vielen Managern, Politikern und unzähligen anderen Menschen, die an exponierter Stelle arbeiten, geht es genauso.

Eine Chance zum Umdenken

Als der Brasilianer Ayrton Senna 1994 in seinem Rennwagen gegen eine Mauer raste und starb, durchlebte die Formel 1 eine tiefgreifende Sicherheitsreform: Es ging um Technik, um Fahrzeuge, Feuerschutz und Helme. Wie aber sollen jene sich schützen, die in Gefahr sind, im übertragenen Sinn aus der Kurve zu fliegen? Im Profifußball gibt es keine neuen Helme, den Stars bleibt nur ein einziger Schutzmechanismus: der Rückzug ins Private. Öffentlichkeit und Medien müssen das erlauben. Bezeichnen wir nicht allzu schnell einen Prominenten als unnahbar, nur weil er sich der Neugier der Massen gezielt zu entziehen versucht?

Viel ist jetzt von einem verstärkten Einsatz von Psychologen die Rede. Doch es gibt sie längst – beim DFB und in den meisten Bundesligaklubs. Oft heißen sie „Mentaltrainer“. Das klingt weniger nach Krankheit und Schwäche, sondern eher nach dem Gegenteil: Perfektion auch im psychischen Bereich. Viel zu oft schon wurden auch die Psychologen am Ende Teil des Betriebs, Rädchen im Getriebe. Darin, dass dieses Getriebe jetzt ausnahmsweise mal ruhiggestellt wird, liegt nicht nur ein Zeichen den Andenkens an Robert Enke. Es bietet auch eine große Chance: zu einem Umdenken für alle, innerhalb und außerhalb des Sports. Dieses Innehalten muss eine Zäsur bringen.

Meinung Nicola Zellmer zum Impfgipfel - Wenig Spielraum
Nicola Zellmer 11.11.2009
Meinung Matthias Koch zur Finanzpolitik - Blau-Gelb
Matthias Koch 11.11.2009
Heiko Rehberg 12.11.2009