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07:44 12.11.2009
Von Heiko Rehberg
Trauernde Fans am Mittwochabend in Hannover.
Trauernde Fans am Mittwochabend in Hannover. Quelle: ddp
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Von Heiko Rehberg

Wie soll man auch sich und anderen erklären, warum einer wie Enke, der für viele ein Sportidol, ein Torwartheld und nicht zuletzt ein besonderer Mensch war, freiwillig aus dem Leben scheidet?

Dieses Warum ist viel zu groß für eine Antwort, auch wenn man seit Mittwoch weiß, dass sich hinter dem strahlenden Licht der Scheinwerfer, in denen Enke bei Hannover 96 und im Nationaltor stand, ein Mensch verbarg, der wie ein Doppelgänger war und den kaum einer kannte: einer mit Versagensängsten, einer, der manchmal keine Hoffnung mehr sah und keinen Mut mehr fand. Wer konnte sich vorstellen, dass Robert Enke, der im Fußballtor Unmögliches vollbrachte, der Bälle der gegnerischen Stürmer auf famose Art parierte, seit unvorstellbar langen sechs Jahren mit Depressionen einen viel hartnäckigeren Gegner hatte?

Suche nach Erklärung...

Robert Enkes Frau Teresa hat am Mittwoch auf einfühlsame Weise beschrieben, wie übermächtig die in Schüben auftretende Krankheit ihres Mannes war. Das Deutsche Sport-Fernsehen übertrug live aus der hannoverschen AWD-Arena – und es wurde die eindrucksvollste Pressekonferenz, die je in diesem Sender zu sehen war. Teresa Enke hat vor einem Millionenpublikum versucht, Unerklärbares zu erklären. Sie hat damit nicht nur unendlich vielen Menschen geholfen, die ratlos nach Gründen dafür suchen, warum ein gefeierter Star nicht mehr leben mochte. Sie hat der Krankheit Depression, die nicht nur im Sport noch immer ein Tabuthema ist, ein menschliches Gesicht gegeben.

Teresa Enke hat Worte gefunden, die anrührend und bewegend waren. Sie hat die Hilflosigkeit beschrieben, die selbst Nahestehende erfahren, die wissen, dass ihr Ehepartner, Freund oder Bekannter von dunklen Gedanken geplagt wird. „Wir haben gedacht, wir schaffen alles, und mit Liebe geht das. Aber man schafft es doch nicht immer“, sagte sie. Teresa Enke hat von der schwersten Niederlage erzählt, die es gibt, nämlich einen geliebten Menschen zu verlieren. Und gleichzeitig hat diese starke Frau die Aufmerksamkeit in eine verborgene Ecke gelenkt, in die wir alle sonst nur ungern schauen. Von der wir uns nur schwer vorstellen können, dass es sie dort gibt, wo Geld und Ruhm zu finden sind und wo das Scheinwerferlicht besonders grell ist.

Hunderte, nein, Tausende Kinder und Jugendliche in der Region gehen Woche für Woche mit einem Enke-Trikot zum Training. Sie und auch Erwachsene mit XXL-Trikots haben sich mit Enke in eine andere Welt geflüchtet, er war wie andere Sport- oder Filmstars die Projektionsfläche ihrer Träume. In dieser Welt jubeln einem 60.000 Menschen im Stadion zu und man hält in der 89. Minute den entscheidenden Elfmeter gegen Bayern München. Enke war ihr Stellvertreter in dieser Welt.

In seine andere Welt hatte keiner Zutritt, an manchen Tagen nicht einmal seine Frau. Er wollte nicht, dass diese andere Welt öffentlich wird, weil er Angst hatte. Angst davor, dass man ihm und seiner Frau die Adoptivtochter wegnimmt. Und Angst vor der öffentlichen Reaktion der Fußballfans: Ein Torwart mit Versagensängsten in einem WM-Endspiel zwischen den Pfosten – Enke wird geahnt haben, dass dies als ein Ding der Unmöglichkeit angesehen worden wäre. Warum eigentlich? Kennt das nicht jeder von uns, wenn auch vielleicht eine Nummer kleiner? Angst, den Anforderungen des Chefs nicht zu genügen. Sorgen, den Arbeitsplatz zu verlieren. Befürchtungen, den Menschen, die einem wichtig sind, nicht gerecht zu werden.

...für das Unerklärbare

Robert Enke wollte unbedingt Fußball spielen. Das war für ihn Ablenkung und Bestätigung, doch für einen sensiblen, depressiven Menschen ist die Branche Profifußball mit all ihren Aufgeregtheiten, mit den gewaltigen Erwartungen der Vereine, Fans und Medien ein Teufelskreis: beim FC Barcelona als Startorwart gefeiert und wenig später nur zweite Wahl. Im August die Nummer 1 in der Nationalmannschaft, im November nicht einmal mehr im Kader. Das alles geht verdammt schnell, für einige Menschen zu schnell.

Sebastian Deisler, wie Enke ein nachdenklicher, feinfühliger, intelligenter Profi, fand in letzter Sekunde die Kraft zum Ausstieg. Robert Enke, der beste Torwart, den Hannover 96 je hatte, einer mit Strahlkraft für die Region und weit über den Fußball hinaus, hatte diese Kraft nicht mehr. Ihn so verloren zu haben, macht traurig.

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