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Meinung Dirk Schmaler über Urlaub vom Smartphone
Nachrichten Meinung Dirk Schmaler über Urlaub vom Smartphone
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07:29 28.07.2012
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Die digitale Stille auszuhalten fällt vielen schwerer, als es die allgegenwärtige Sehnsucht nach Urlaub eigentlich nahelegen würde. Man muss sich nur die überfüllten Cafés mit WLAN-Angeboten („Free WiFi!“) in den Urlaubsorten anschauen. Wie Schatzsucher starren Urlauber in kurzen Hosen dort hordenweise auf ihre Handys, als wären sie erst jetzt am Urlaubsort angekommen.

Es ist gerade fünf Jahre her, dass Apple sein erstes Smartphone auf den Markt gebracht hat – ein Gerät, von dem kaum jemand dachte, dass er es je brauchen würde. Mittlerweile besitzt rund ein Drittel aller Bundesbürger so ein Ding, das gleichzeitig Walkman, Diktiergerät, Navigationsgerät, Kamera, Notizblock, Wecker und Computer ist. Bei den Jüngeren ist es schon mehr als die Hälfte. Und viele von ihnen fragen sich ernsthaft, ob sie ein paar Wochen im Jahr so ganz ohne auskommen können. Sie sind es nicht mehr gewohnt, Fragen offenzulassen, statt sie schnell zu googeln. Und wenn sie morgens nicht in ihr E-Mail-Postfach schauen können, werden sie nervös.

Zur Urlaubszeit raten Experten deshalb schon zur „digitalen Diät“ und warnen vor der Gefahr, dass der ständige Blick aufs Handy zur Sucht werden kann. Ihr simples Rezept: Ausschalten! Denjenigen, denen das zu radikal erscheint, hat ein äußerst kompromissbereiter Soziologe gerade im Interview geraten, das Smartphone zumindest nachts auf den sogenannten Flugmodus zu stellen, der den Empfang von Nachrichten unterbindet.

Ist es wirklich schon so schlimm? Sind wir eine Geisel unserer Telefone, die harmlos verpackt zwischen bunten Apps und „Angry Birds“-Spielen subversiv unser Büro in die Hosentasche oder in den Urlaubskoffer schmuggeln, und haben wir selbst im Urlaub keinen Blick mehr fürs Schöne (man könnte sagen: fürs Analoge)?

So viel ist sicher: Wer ständig und überall auf die nächste Nachricht wartet, kommt vor lauter Reagieren kaum noch dazu, selbst zu denken. Es gibt Smartphone-Dauernutzer, die kaum noch anwesend sind im Hier und Jetzt, weil sie immerzu Parallelkommunikation betreiben. Außerdem führt das tragbare Internet dazu, dass die Freizeit zerbröselt. Politiker und Unternehmen haben schon Initiativen gestartet, die Chefs verbieten, Mitarbeitern E-Mails nach Feierabend zu schicken. Einer Studie zufolge will dennoch die Hälfte aller Deutschen im Urlaub arbeiten. Immerhin acht Prozent sind im Urlaub jederzeit für Vorgesetzte erreichbar.

Allerdings ist daran nicht das Smartphone schuld. Workaholics gab es schon vor seiner Erfindung. Es ist schließlich beides: wunderbarer Alleskönner und unsinniger Zeitfresser, Werkzeug für größtmögliche Freiheit und Mobilität genauso wie für die totale Kontrolle seiner Nutzer.
Es geht also um den richtigen, den souveränen Umgang, nicht nur im Urlaub. Bei der Datensicherheit genauso wie bei der Erreichbarkeit. Kaum ein Arbeitgeber verlangt wirklich, ständig erreichbar zu sein. Viele bleiben freiwillig auf Empfang. Aus Angst, sie könnten bei der Arbeit etwas verpassen, aber auch schlicht aus Neugier. Oder weil es ihnen das Gefühl von Wichtigkeit gibt.

Wer in den Ferien tatsächlich der Online-Versuchung widersteht, sei es aus kontemplativen Gründen oder auch nur  aus berechtigter Angst vor Roamingkosten, kann gleichwohl etwas lernen. Zum Beispiel, wie viel Zeit plötzlich für ein Buch bleibt und dass es viel witziger sein kann, sich gemeinsam über Songtitel den Kopf zu zermartern, statt zum allwissenden Telefon zu greifen. Der erhellendste Effekt aber folgt erst nach dem Urlaub, wenn man seitenweise Nachrichten und Mails löscht, die in all den Postfächern aufgelaufen sind. Die häufige Erkenntnis lautet: Sie haben nichts verpasst.

27.07.2012
Lars Ruzic 27.07.2012