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Meinung Ein Prozess für
 die Angehörigen
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 die Angehörigen
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21:40 20.04.2015
Von Thorsten Fuchs
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Und was, bitte, soll das alles jetzt noch? Da steht also von heute an ein sehr alter Mann in Lüneburg vor Gericht. 93 Jahre ist Oskar Gröning alt. Das, was er getan haben soll, liegt mehr als 70 Jahre zurück. In der Befehlskette im Konzentrationslager Auschwitz stand er recht weit unten, und viele seiner Vorgesetzten haben ihr Leben von der Justiz ungestört zu Ende gelebt. Hat dieser Prozess wirklich noch einen Sinn?

Die Fragen sind berechtigt, Zweifel liegen nahe. Denn natürlich kommt dieser Prozess viel zu spät. Er hätte in den Fünfziger- oder Sechzigerjahren stattfinden müssen. Dann hätte man der Justiz vielleicht geglaubt, dass sie es ernst meint mit der Aufarbeitung des größten Verbrechens des 20. Jahrhunderts. Zumal schon damals bekannt war, was Gröning und seine Kollegen, die anderen Buchhalter von Auschwitz, getan haben. Eine Anklage wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen, wie die Staatsanwaltschaft Hannover sie jetzt erhebt, wäre auch damals möglich gewesen. Es gibt keine neuen Beweise. Es gibt nur engagierte Kläger – und deutliche Zeichen, dass die Gerichte nach dem Urteil gegen John Demjanjuk 2011 den Beihilfeparagrafen großzügiger auslegen als früher. Diesem Prozess haftet etwas Hilfloses an. Und doch ist es richtig, dass er stattfindet.

Denn dieses Verfahren gegen den früheren SS-Unterscharführer Oskar Gröning hat eine große symbolische Bedeutung – für die Justiz, für die Angehörigen der Opfer, und auch für den Angeklagten selbst. Die Justiz wird ihr Versagen bei der NS-Aufarbeitung nicht ungeschehen machen können. Aber sie kann zeigen, dass sie gelernt hat, dass Auschwitz ein Verbrechen eigener Art war. Und dass Beihilfe zum Mord in einem Vernichtungslager anders zu verstehen ist als bei anderen Verbrechen. Sie kann die Anliegen der Überlebenden ernst nehmen.

Für die Angehörigen der Opfer, von denen viele die Hölle Auschwitz selbst erlebt haben und die nun aus aller Welt nach Lüneburg kommen, ist es eine Genugtuung, dass dieser Prozess überhaupt stattfindet. Sie wollen sehen, dass die deutsche Justiz aus ihren Versäumnissen gelernt hat. Und schließlich liegt auch für den Angeklagten in diesem Verfahren eine Chance. Oskar Gröning ist ein ungewöhnlicher Vertreter seiner Generation. Denn Gröning will reden.

Am Ende dieses Prozesses könnte ein Freispruch stehen. Der Angeklagte Oskar Gröning hatte mit den Morden in Auschwitz wohl unmittelbar wenig zu tun. Er hat keine Häftlinge in die Gaskammern geführt, sondern ihr Geld genommen, gezählt und verbucht. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hielt seine Schuld vor einigen Jahren offenbar schon auf den ersten Blick für so gering, dass sie weitere Ermittlungen ablehnte. Eine Verurteilung Grönings wäre jetzt nachträglich noch mal eine symbolische Ohrfeige für eine lange zögerliche Justiz.

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