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Meinung Frank Schober über Olympia
Nachrichten Meinung Frank Schober über Olympia
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22:15 26.07.2012
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Hannover

Schaut man sich diesen einst vernachlässigten Teil der Weltmetropole heute an, dann muss man neidlos feststellen: Es hat die Richtigen getroffen. Wenn in einer boomenden Weltstadt in einem Viertel die Arbeitslosigkeit extreme Werte erreicht, der Boden verseucht, die Infrastruktur veraltet und sogar die Lebenserwartung vergleichsweise gering ist, kann ein solcher Neustart nicht früh genug kommen. Insofern haben die an diesem Freitag beginnenden Spiele ihren ersten Sieger schon hervorgebracht: Er heißt London.

Durch die Niederlage bei der Olympia-Vergabe, die manchen im Osten der Republik noch immer schmerzt, hat Deutschland jedoch mehr verpasst als ein großes Konjunkturprogramm. Auch der Sport wartet seit Jahren vergeblich auf den erhofften Aufschwung. Jener Sport jedenfalls, der nicht Fußball, Reiten oder (an guten Tagen) Tennis heißt.   Schlimmstes Beispiel sind die Trainer von Turnern, Wasserballern oder Schützen, die etwa im Vergleich zu Lehrern noch immer schlechtergestellt sind. Dabei geht es um gesellschaftliche Anerkennung, Leistungsdruck und Gehalt gleichermaßen. Und nicht zuletzt um die Arbeitszeiten. Wenn andere Pädagogen Freitagmittag die Klassentür zuschließen und sich aufs Wochenende freuen, beginnt für die Trainer die Reise zum Wettkampf – oft genug als unbezahlte Verlängerung der Arbeitswoche.

Diesen Missstand hat die Bonner Fechterin Imke Duplitzer völlig zu Recht in dieser Woche angesprochen. Doch die Funktionäre haben nichts Besseres zu tun, als den Zeitpunkt dieser Kritik als unangemessen zu bezeichnen. Wann sonst, wenn nicht vor dem Weltereignis in London, sollte dieses Thema in der Öffentlichkeit platziert werden? Jetzt hört vielleicht mal jemand hin.

Die Reaktion des Olympischen Sportbundes (DOSB) zeigt, dass man sich offenbar gar nicht ernsthaft mit den Problemen an der Basis beschäftigen will. Man müsste sich mit zu vielen Politikern anlegen – bis hin zu den Bundesländern und Kommunen, wo in vielen Verbänden Flickschusterei betrieben wird, weil der Bund nicht einmal die Bundeskader und ihre Trainer optimal fördert. Vom Nachwuchs ganz zu schweigen.

Die Sportfunktionäre um den ehemaligen Grünen-Politiker und heutigen DOSB-Generalsekretär Michael Vesper machen es sich zu leicht, wenn sie den Ball einfach zurückspielen und die Athleten um Lösungen angehen. Ist es nicht Aufgabe der Funktionäre, Wege aus der Misere aufzuzeigen? Eine Sportlerin wie die Weltklassefechterin Duplitzer kann zunächst nur die Probleme benennen, lösen kann sie sie vielleicht nach Ende ihrer Karriere. Wenn man sie lässt. 

Es fehlt also an Koordination und öffentlichem Geld – aber auch an Sponsoren. Olympischer Sport ist in Deutschland oft Randsport und für private Geldgeber selten interessant. Fast alle in London vertretenenen Sportarten hängen bei uns  am Tropf des Steuerzahlers. Fußball, Formel 1 und Profiboxen – und hier und da noch ein paar Skisportler – garantieren Einschaltquoten. Das ist es dann auch. Deutschland liebt Sebastian Vettel, aber nicht Natascha Keller.

Die Fahnenträgerin, die diese Ehre verdient hat, würde auf der Straße kaum jemand erkennen. Sie verkörpert ein Kontrastprogramm zu Vorzeigeprofi Dirk Nowitzki, dessen Ernennung zum Fahnenträger 2008 ebenfalls Charme hatte. Natascha Keller steht für die olympischen Ideale. Und sie steht für den Rand des Sportgeschehens, an dem sich die meisten Olympioniken bewegen.
Dies vergessen wir alle vier Jahre für 16 Tage. Das ist schön – aber wundern wir uns nicht über möglicherweise zu wenige Medaillen. Freuen wir uns über alle, die dennoch errungen werden.

Frank Schober

Dirk Stelzl 26.07.2012
Gabi Stief 25.07.2012
Reinhard Urschel 25.07.2012