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15:19 16.05.2015
Von Hannah Suppa
Foto: Eine Kandidatin läuft in Köln beim 2014er-Finale der ProSieben-Show "Germany's next Topmodel" über den Catwalk.
Eine Kandidatin läuft in Köln beim 2014er-Finale der ProSieben-Show "Germany's next Topmodel" über den Catwalk.  Quelle: Henning Kaiser/dpa (Archiv)
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Alles war perfekt geplant – doch dann brach die Finalshow von „Germany’s next Topmodel“ am Donnerstagabend einfach ab. Niemand kannte die genauen Hintergründe und die Ernsthaftigkeit der Bombendrohung in der Live-Sendung. Sicher aber ist: Auch ohne derart spektakuläre Anfeindungen zieht die Sendung seit Jahren den Groll vieler auf sich, weil junge Mädchen zu Models gedrillt werden. Mit abnehmendem Erfolg zwar – in jeder Hinsicht.

Auf die alte Frage, ob solche Sendungen die Muster vorgeben, nach denen junge Mädchen leben wollen, gibt es neue Antworten. Sie zeigen: Der „Klum-Effekt“ existiert. Ärzte, die mit magersüchtigen Patientinnen arbeiten, halten die Show für „mörderisch“. In einer aktuellen Studie geben immerhin 70 von 241 Patientinnen an, dass die Show einen starken Einfluss auf ihre Essstörung gehabt hätte. Was Kritiker immer vermuteten, ist offenbar erstmals belegt. Zeitgleich stimmt die französische Nationalversammlung für ein Gesetz, das Magermodels von den Laufstegen fernhalten soll. In anderen Ländern sind solche Regeln bereits in Kraft. Ein Model, das einen bestimmten Body-Mass-Index unterschreitet, darf dann nicht arbeiten. Auch die Pro7-Show wird von der zuständigen Medienanstalt geprüft. Muss die Politik ran, um die verzerrten Schönheitsideale zu korrigieren?

Es wäre ein Signal, würde aber nicht viel helfen. Schon die praktische Überlegung, wie solche Vorschriften kontrolliert werden sollen, zeigt: Der Staat wird wenig ausrichten. Ein Werbebild oder eine Modenschau sind nicht ausschließlich schuld an einer ernsthaften Erkrankung wie Magersucht – dafür ist sie zu komplex. Auch die Befragten der Studie gaben an, sich bereits zu Beginn der Essstörung in einer Krise befunden zu haben, die im TV vorgelebte Körperfixierung habe sie bestärkt. Ebenso wie private Vorbilder. Da liegt’s. Längst hat nicht mehr nur das TV Vorbildfunktion: Jugendliche vergleichen sich mit der Fitness-Bloggerin bei Instagram oder schicken Bilder ihres flachen Bauchs über Whatsapp an Freunde. Wer kontrolliert das? Hier kann nur das direkte Umfeld einwirken. Jugendliche können nicht vor allen Gefahren geschützt werden – und mit einem gefestigten Selbstbild ist das auch nicht nötig.

Die Fähigkeit, zwischen Bildschirmshows und der Lebenswirklichkeit zu unterscheiden, gehört dazu. Eltern müssen Kindern diese Medienkompetenz mitgeben. Modeln ist ein Beruf. Für ihn gelten bestimmte körperliche Voraussetzungen, die nicht jeder hat. Wer das weiß, erkennt, dass krankhaftes Schlanksein nicht zum Ideal taugt.

Solche Prozesse sind langsam, oft aber erfolgreich. Sogar in der Mode gibt es ein Umdenken: Immer mehr normalgewichtige Frauen werden als Models gebucht, das US-Label Abercrombie & Fitch verzichtet gar auf die gut gebauten Nacktmodels am Shopeingang – nun stehen dort normale Menschen. Ist doch schön.     

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