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21:45 24.01.2014
Von Christiane Eickmann
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Erinnert sich noch jemand an Hans-Joachim Kulenkampff? Heute vor 50 Jahren lief seine Quizsendung „Einer wird gewinnen“ das erste Mal in der ARD. Die Familie kuschelte sich sonnabends gemeinsam aufs Sofa und fühlte sich bestens unterhalten, wenn Conférencier „Kuli“ seine Fragen von Karten ablas, selbstverliebt um seine Assistentin herumscharwenzelte und jedes Mal gnadenlos die Sendezeit überzog. Aus heutiger Sicht unvorstellbar: Kulenkampff erreichte Marktanteile von bis zu 90 Prozent. In einer Zeit ohne Privatfernsehen und Internet genügte es für eine Show, dass vier Männer und vier Frauen artig Quizfragen beantworteten, um zum „Lagerfeuer“ der Nation zu werden.

Auch heute scheint es eine Sehnsucht nach dem gemeinsamen Fernseherlebnis zu geben. Ausgerechnet die trashige RTL-D-Promi-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ macht das in diesen Tagen deutlich. Dabei gilt das „Lagerfeuer“-Fernsehen eigentlich als tot. Die Krise von „Wetten, dass ...?“ steht stellvertretend für die Krise der klassischen Samstagabendshow. Hinzu kommt die Diversifikation des Fernsehens in unterschiedliche Kanäle. Familien schauen nur noch äußerst selten gemeinsam fern: Die Kinder haben Spaß mit YouTube, die Eltern sehen die neueste US-Serie auf DVD oder im kostenpflichtigen Videoportal. Allein Fußball-Länderspiele und der sonntägliche „Tatort“ erreichen noch ein Millionenpublikum – und eben das „Dschungelcamp“.

Warum um Gottes willen schalten knapp acht Millionen Menschen aus allen Schichten täglich ein, wenn sich längst vergessene Ex-Moderatoren, ein operiertes Porno-Sternchen, ein hyperaktives Möchtegern-Model und ein alternder Schauspieler gegenseitig auf die Nerven gehen oder freiwillig Hirschsperma schlucken? In Kantinen und sozialen Netzwerken wird eifrig über eine verschusselte Österreicherin namens Larissa Marolt und die Entgleisungen des ehemaligen Defa-Stars Winfried Glatzeder gesprochen.

Mit Wohlbehagen blicken viele vom Sofa aus ...

Es ist bereits die achte Staffel „Dschungelcamp“, die Idee ist zehn Jahre alt. Doch selbst der Tod des ganz und gar formattauglichen Komikers und Moderators Dirk Bach hat der Sendung wider Erwarten keinerlei Publikumsverluste beschert.
Der Kern des Erfolgs liegt darin zu beobachten, in welcher Weise sich welche Charaktere in Belastungssituationen entwickeln – in einer Versuchsanordnung, die in ihrer permanenten Aufgekratztheit an eine 14-tägige Klassenfahrt erinnert.

Auch wenn es Kulturpessimisten schaudert: Das „Dschungelcamp“ ist – man kann es drehen und wenden, wie man will – intelligent gemachtes Fernsehen. Viele wundern sich, warum der Sender mit dieser auf den ersten Blick so seltsam anmutenden Produktion so breite und teils so weit auseinanderliegende gesellschaftliche Gruppen erreicht. Des Rätsels Lösung: Das „Dschungelcamp“ funkt intellektuell auf sehr unterschiedlichen Frequenzen gleichzeitig.

Die einen verfolgen ganz schlicht die Handlung als solche und finden sie spannend. Manche mögen sich daran weiden, wenn die Vertreter des Show-Prekariats in Fleischabfällen wühlen oder pürierte Mehlwürmer essen.

... auf die Dämlichkeiten der anderen.

Die anderen wiederum, darunter viele Akademiker, mokieren sich über all dies, finden es unsäglich – und schalten beim nächsten Mal doch wieder ein. Diese zweite Gruppe ist bereits groß, und sie scheint immer noch zu wachsen. Es sind Menschen, denen es einfach gut tut, sich beim Fernsehen genüsslich über jene zu erheben, die sie betrachten. Dieses Prinzip funktioniert auch jenseits des „Dschungelcamps“.

Guck dir das mal an, sagt die Ehefrau abends auf dem Sofa zum Ehemann – und beide schütteln den Kopf über das schlechte Restaurant bei „Rach, dem Restauranttester“, über das unpassende Kleid bei „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ oder über das hässliche Haus in „Mieten, kaufen, wohnen“. Und beide finden zueinander in einem behaglichen Wohlgefühl: Die in den ­Dokusoaps dargestellten Dämlichkeiten und Unvollkommenheiten der anderen lassen das eigene Lebensumfeld neu erstrahlen.

Muss man vorm „Dschungelcamp“ warnen, wie es Hannovers Regionspräsident Hauke Jagau getan hat? Gewiss nicht. Ernsthafte Angst um die Gefühlswelten zuschauender Jugendlicher, wie Jagau sie formulierte, muss man nicht haben. Auch das junge Publikum versteht längst, dass vieles im RTL-Format nur eine bunte Inszenierung ist – mit dem wahren Leben nicht zu verwechseln.

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