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23:18 09.01.2011

Gefilmte Gedanken, die ähnlich kraus sind wie sein Geschreibsel über eine neue Währung und seinen Widerwillen gegen Regierungen. „Mein Kampf“ und „Das kommunistische Manifest“ gibt er als Lieblingsbücher an. Geschwätz eines benachteiligten Jungen, der Aufmerksamkeit sucht? Oder doch Indizien, dass Loughner ein politischer Attentäter ist?

Man weiß bislang noch wenig, warum der psychisch labile 22-Jährige in Arizona die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords lebensgefährlich verletzt, den republikanischen Richter John Roll und fünf weitere Menschen erschossen hat. Weil er Giffords Einsatz für die Gesundheitsreform ablehnt? Weil er ein Opfer suchte, an dem er einen unbestimmten Zorn auslassen konnte?

So oder so ist die Schießerei von Tucson nicht loszulösen von den hasserfüllten, ideologischen Grabenkämpfen Amerikas. Weil das Getöse dieser Kämpfe Spuren hinterlässt in den Köpfen von Menschen wie Jared Loughner. Deshalb ist Tucson innerhalb von Stunden zum Sinnbild der hemmungslosen Aggressivität geworden, die die politische Zivilisation Amerikas längst in den Notstand geführt hat.

Politisches Klima ist vergiftet

Politik in den USA, das ist eine sehr persönliche, sehr gemeine und deshalb auch sehr gefährliche Angelegenheit geworden. Da stellt sich ein führender Republikaner hin und wünscht sich mal eben, die demokratische Parlamentssprecherin vor die Flinte zu kriegen. Da markiert die konservative Ikone Sarah Palin 20 liberale Abgeordnete aus Arizona – darunter Gabrielle Giffords – auf einer Karte mit dem Fadenkreuz eines Zielfernrohrs. Man spricht von „Feinden im Inneren“ und fordert: „Sammelt eure Truppen.“ Befeuert wird das Ganze von gnadenlosen Hasspredigern vor allem der extrem rechten Radiosender, verbreitet in einem Internet, dem vermeintliche Meinungsfreiheit ein höheres Gut ist als der Respekt vor Menschen.

Die martialische Redeschlacht hat Folgen. Ein jüngst veröffentlichter Bericht zeigt, dass allein in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres 42 Gewaltandrohungen gegen Abgeordnete gemeldet wurden – dreimal so viele wie 2009. Gabrielle Giffords war unter den Bedrohten.

Wachsender Extremismus auf beiden Seiten hat das gesellschaftliche Klima vergiftet. Lange bevor die extrem konservative Tea Party Palins auftauchte. Lange auch bevor George W. Bush das Land spaltete. Seit den achtziger Jahren, als Ronald Reagan regierte, haben sich die politischen Lager voneinander entfernt. Bis dahin gab es im Kongress traditionell eine bemerkenswerte Schnittmenge der beiden großen Parteien. Da konnte sich ein kalifornischer Republikaner ohne Weiteres mit einem demokratischen Ostküstler auf eine liberale Agenda einigen – die für einen Demokraten aus Tennessee wiederum viel zu progressiv war.

Doch unter Reagan begann, was unter George W. Bush zementiert wurde: Allianzen parteiübergreifender Vernunft oder auch nur Interessen sind unerwünscht. Heute gilt auf beiden Seiten des Korridors: Die Partei kommt zuerst.

Aufruf zur Versöhnung

Das allein, Europa weiß das, birgt noch lange kein Gewaltpotenzial. Doch in den USA hat sich gleichzeitig die politische Kultur verändert. Nicht das akademische, auch nicht das freundlich-hilfsbereite Alltagsamerika, aber das politische Amerika hat seine Fähigkeit zu gepflegter öffentlicher Auseinandersetzung verloren. Man beschimpft einander, schreit, macht einander verächtlich – im Glauben, dass ein noch schärferes Wort, eine noch pointiertere Wendung das bisschen Extra-Aufmerksamkeit beim Wähler sichern wird.

Man wird auch primitiver. Die „Princeton Review“ hat in einer Analyse von Wahlkampfdebatten festgestellt, dass die Präsidentschaftskandidaten beider Parteien seit 1992 auf dem sprachlichen Niveau von Sechstklässlern miteinander diskutieren. John F. Kennedy und Richard Nixon haben sich noch am Aufnahmevermögen von Zehntklässlern orientiert.

Immerhin scheint den Präsidentschaftskandidaten alle vier Jahre zu dämmern, was sie anrichten. Sieger wie Besiegte riefen in den vergangenen zehn Jahren in ihrer ersten Nachwahlbotschaft zur Versöhnung auf. Auch jetzt sprechen politische Feinde einträchtig gegen die Gewalt.

Doch eine nur vorübergehende Rückkehr zur Vernunft wird nicht ausreichen als Gegengift gegen den Hass. Vielleicht ist Tucson das Ereignis, das Amerika endgültig aufrüttelt. Vielleicht ist es aber auch Vorbote kommender Grausamkeiten.

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