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Meinung Hendrik Brandt zum Verbot der Neonazi-Gruppe „Besseres Hannover“
Nachrichten Meinung Hendrik Brandt zum Verbot der Neonazi-Gruppe „Besseres Hannover“
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06:15 28.09.2012
Von Hendrik Brandt
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Verbot“ – das klingt einfach, ist aber im Rechtsstaat aus guten Gründen ziemlich kompliziert. Es spricht für die Sicherheitsbeamten in Uniform und Zivil, dass sie diesen beherzten Schritt gegen den üblen Verein durchsetzen konnten. Dazu war akribische Polizeiarbeit nötig und nicht zuletzt die Überzeugung der Ermittler, dass sich der ganze Aufwand am Ende auch lohnen werde. Hannovers Polizei und ihre Helfer aus anderen Landesteilen haben für diese Erkenntnis ein wenig gebraucht – dann aber entschlossen gehandelt. Heute können sie diesen Erfolg feiern. Und morgen?

Nicht nur Dumme und Kriminelle

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Die Arbeit wird weitergehen. Denn natürlich sind mit dem Verbot einer Organisation nicht die Menschen aus der Welt, die sie getragen haben – und deren enges  Weltbild schon gar nicht. Sie stehen überdies nicht allein. Im Gegenteil: Viel spricht dafür, dass die kriminellen Agitatoren von „Besseres Hannover“ trotz ihres vermeintlich so clever gewählten Namens einfach nur ungeschickter und ungeduldiger waren, als es viele der aktuellen Nationalsozialisten sind.

Mit aggressiver Verhöhnung von Immigranten, Bedrohung von Politikern und gruseligen Fackelaufmärschen mitten in der Stadt haben sie den Bogen überspannt. Da war Platz für jene ordentliche Polizeiarbeit, die Hannover hier gezeigt hat und die man sich mit gleichem Einsatz in allen Bundesländern wünschen würde. Vielleicht wäre die NPD dann längst Geschichte. Und den Mördern der NSU wäre man möglicherweise früher auf die Schliche gekommen.

Doch das reicht nicht. Die Nazis des 21. Jahrhunderts agieren längst nicht alle offenkundig dumm und kriminell. Neben den grölenden „Kameradschaften“ und ihren Helfern gibt es immer häufiger auch den freundlichen Neofaschisten von nebenan. Er (oder gern auch: sie) engagiert sich in der Feuerwehr oder dem Sportverein, ist unermüdlich in der Jugendarbeit aktiv und hat auf den ersten Blick mehr mit dem Heckenschneiden als dem Straßenkampf zu tun.

Diese Nazis laufen oft unter dem Radar gesellschaftlicher oder gar polizeilicher Aufmerksamkeit. Ihnen ist auf den ersten Blick meist auch wenig vorzuwerfen. Sicher, sie sprechen mal von „gefährlicher Islamisierung“ der Republik oder einer  „Überfremdungspolitik“, das aber tun prominente Demokraten zuweilen auch ungestraft. Die neuen Nationalsozialisten gehen den Weg, den totalitär gesinnte Agitatoren mit ihrer Beglückungsideologie gern wählen: Man engagiert sich im Kleinen, gern auch im taktischen Verbund mit offenkundig Andersdenkenden. Hier ein Spielplatzbau im Stadtteil, dort eine Tafel für Obdachlose oder ein Fußballturnier auf dem Dorf.

Und dann ist da eben plötzlich auch einmal die lustige „Kinderhexe Ragna“ dabei, die auf der Bühne irgendeines Straßenfestes Späße macht – und von der man nicht auf Anhieb wissen muss, dass hinter der Figur Sigrid Schüßler steckt, die Bundesvorsitzende des „Rings nationaler Frauen“. „Damit Kinderland werde, muss Vaterland sein!“ ist eine ihrer Botschaften. Aber alles betont verträglich verpackt und betont deutlich auf dem Boden des Grundgesetzes.

Langsam und fast unbemerkt weiten die Nazis so die Toleranzgrenze der Demokraten, kanalisieren manche Wut des Alltags auf „die da oben“ und arbeiten so weit in ihre Richtung, wie es unter legalen Bedingungen noch geht. Nicht zufällig stehen hier oft die Kinder im Fokus – pädagogische und soziale Berufe haben die Nazis derzeit verstärkt im Blick.

Augen auf

Die offiziellen Waffen des demokratischen Staates sind hier zumeist wirkungslos. Gegen diesen zähen und perfiden Angriff von innen kann er sich nur schützen, wenn seine Bürger ihn verteidigen. Wer diesem Teil des braunen Irrsinns beikommen will, muss selbst aktiv werden. Augen und Ohren müssen offen sein für unterschwellige Agitation und ihre Vorläufer, es braucht Mut zum klaren Widerspruch auch gegen den vermeintlich netten Vereinskameraden.

Die Chancen hierfür stehen gut. Nazis spielen im deutschen Alltag eine beruhigend kleine Nebenrolle, ganz anders als in manchen Nachbarländern. Wenn Bürger und Polizei weiter wachsam sind, kann das auch so bleiben. Wir haben es in der Hand.

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