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Meinung Im Gewitter
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22:16 26.05.2010
Von Lars Ruzic
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Einer der wichtigsten europäischen Handels- und Touristikkonzerne ist dann Geschichte. Mehr als 10 000 Mitarbeiter haben ihren Job verloren, Traditionsfirmen wie Quelle sind zur Marke der Konkurrenz degradiert worden, so manche Innenstadt verzeichnet an prominenter Stelle Leerstand, und eine Exmilliardärin muss jetzt Chalets verkaufen, um an Geld zu kommen. So hart kann die Insolvenz sein.

Aber eben auch so effizient. In nur einem Jahr trennten sich innerhalb des Kunstkonstrukts Arcandor Spreu und Weizen. Den Versandhändler Quelle, dem schon vor Jahren niemand mehr eine prosperierende Zukunft voraussagen wollte, musste der Insolvenzverwalter schließen. Die Touristiktochter Thomas Cook agiert dagegen als börsennotierter Konzern erfolgreich am Markt. Für TV-Verkaufskanäle fanden sich ebenso Interessenten, wie es sie nun auch für den letzten großen Brocken aus der Arcandor-Insolvenz gibt: Dass Karstadt einmal als Ganzes verkauft werden könnte, hätte am Tag des Insolvenzantrags wohl niemand vermutet.

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Eine Insolvenz ist hart,…

Zwar hat der Insolvenzverwalter auch bei der Warenhauskette gut ein Dutzend Standorte geschlossen, was 1200 Beschäftigte den Job kostete. Und die Belegschaft musste zusätzlich mit Entgeltverzicht das ausbaden, was ihnen die Konzernspitze mit mehr als einem Jahrzehnt Missmanagement eingebrockt hat. Doch scheinen sich die Entbehrungen gelohnt zu haben. Denn von den drei potenziellen Übernahmekandidaten, die derzeit gehandelt werden, wollen zwei keine weiteren Stellen streichen. Immerhin 25 000 Arbeitsplätze wären dann gerettet – zumindest vorerst.

Ob Karstadt langfristig überleben kann, hängt entscheidend vom Zukunftskonzept des Investors ab. Über Jahre hat die Konzernspitze zugesehen, wie in der Nachbarschaft der eigenen Filialen noch größere und noch schönere Glitzerwelten in Form von Einkaufszentren entstanden. Sie ließ die Lieferanten gewähren, als die ihre eigenen Läden eröffneten und damit zu Konkurrenten aufstiegen. Sie ließ die Marke Karstadt in der Profillosigkeit versinken.

Der größte Fehler entstand jedoch in größter Not. Der selbst ernannte Arcandor-Retter Thomas Middelhoff verkaufte das letzte Tafelsilber – die Immobilien – an ein Konsortium unter der Führung der Großbank Goldman Sachs. Der Zeitpunkt schien passend, denn in ihrem globalen Immobilienwahn waren die Investoren inzwischen nach Deutschland vorgestoßen und kauften, was zu bekommen war. Entsprechend zahlten die Banker für die Karstadt-Häuser Milliarden. Doch gleichzeitig verpflichtete sich der ohnehin schon angeschlagene Konzern zu Mietzahlungen, die weit oberhalb dessen lagen, was im Handel gesund ist.

…aber sie hat auch Vorteile

Dass nun ausgerechnet das Konsortium um Goldman Sachs und Deutsche Bank ebenfalls die Komplettübernahme von Karstadt plant, zeigt den Charme eines Insolvenzverfahrens. Ausgerechnet die Großbanken, denen die Regierungen derzeit weltweit nahezu jedes Großrisiko abzunehmen scheinen, werden hier in die Pflicht genommen. Nur weil sie den Totalausfall ihres Schuldners fürchten müssen, bewegen sich die Banker. Ob sie sich nun mit einem der beiden Finanzinvestoren, die für Karstadt bieten, einig werden oder selbst in die Bütt gehen: So oder so müssen die Mieten herunter und die Gläubiger ihren Teil zur Sanierung beitragen. So erweist es sich im Nachhinein als gute Entscheidung Berlins, Karstadt Staatshilfen zu verweigern. Damit hätte der Steuerzahler nur einen kranken Patienten künstlich weiterbeatmet und seinen Vermietern satte Einnahmen garantiert.

Nach der Gesundschrumpfung und mit angemessenen Mieten hat Karstadt erstmals seit Jahren zumindest eine faire Chance auf ein Comeback. Das wird allerdings nur gelingen, wenn ein neuer Investor auch ein Verkaufskonzept mitbringt, das die Warenhäuser aus ihrer Beliebigkeit holt. Das umfasst nicht nur Warenpräsentation oder Service. Die Filialen brauchen mehr Produkte, die die Kunden anderswo nicht bekommen. Entsprechend umfangreich wird ein neuer Eigentümer investieren und umbauen müssen. Gelingt das Vorhaben, könnte die Insolvenz bei Karstadt ihren Zweck erfüllen – ein reinigendes Gewitter zu sein.

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