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Meinung Imre Grimm zu den Wulffs
Nachrichten Meinung Imre Grimm zu den Wulffs
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21:11 08.01.2013
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Syrien, Griechenland, Nordkorea. Aber keine dieser Nachrichten kommt auf derart massenhafte Kommentare, Quoten, Klickzahlen.
Das hat Gründe. Es ist nicht bloß die enorme Fallhöhe, die das Schicksal des Ehepaars Wulff so elektrisierend macht. Nicht bloß die Tatsache, dass beide mit immer neuen Zeugnissen ihrer vermeintlichen Bilderbuchliebe Privates nutzten, um Berufliches voranzubringen. Es sind auch nicht Häme und Schadenfreude allein, die selbst die angeblich Desinteressierten im Publikum locken, dann doch alles ganz genau zu lesen. Bezeichnenderweise besteht jeder zweite Internetkommentar über die Wulffs aus schmallippiger Medienschelte, mit der vermeintlich kritische Geister ihre Erhabenheit über derlei Trivialitäten zum Ausdruck bringen – und gleichzeitig ihre Kenntnisnahme verraten. Worum also geht es? Am Fall Wulff wird ein sozialer Grundmechanismus deutlich.

Die spannendsten Traumehen ...

Klatsch – das Wort kommt vom Geräusch, das nasse Wäsche am Zuber von tratschenden Waschweibern macht – ist essenziell für jedes soziale Gefüge. Menschen sind soziale Schwarmwesen. Sie brauchen zum inneren Datenabgleich so viele Informationen über ihre Artgenossen wie möglich. Denn erst der Konsens über den allgemeinen Moralkodex einer Wertegemeinschaft sichert deren Zusammenhalt. Oder kurz: Klatsch ist sozialer Klebstoff.

Wissenschaftler haben bewiesen, dass das Gehirn pikanten Klatsch präziser und länger speichert als nüchterne Fakten. „Du hast etwas nicht Nettes über jemanden zu erzählen? Komm, setz dich zu mir!“, witzelte einst Präsidententochter Alice Roosevelt Longworth.

Warum ist das so? Weil derlei „weiches Wissen“ evolutionär immer schon wichtiger war als harte Fakten. Nur wer korrekt einschätzte, wie etwa das soziale Machtgefüge in den Führungseliten aussah, welche Spannungen dort herrschten, konnte seine eigene Stellung behaupten. Klatsch treibt ganze Führungsetagen von Weltkonzernen um. Und: Krisen und Konflikte sind für Medien immer attraktiver als Konsens, denn Streit zeigt, wer wo steht. Der US-Sozialpsychologe Roy Baumeister sagt: „Klatsch hilft zu verstehen, wie die Welt funktioniert.“ Autor Daniel Defoe glaubte, der Mensch müsse „zur Kenntnis der Welt beschwatzt werden“ – Klatsch und Tratsch also als Vehikel für größere Zusammenhänge.

Nun steht und fällt die Welt nicht mit der Ehe der Wulffs. Doch das Interesse am Verhalten der Prominenz ist ein evolutionäres Erbe. Keine schlechte Entschuldigung, um beim Friseur mal in der „Gala“ zu blättern.

Das deutsche Publikum bekennt sich zwar gern zu Authentizität und Nüchternheit, ist insgeheim aber auch dankbar für jeden, der aus der Graumäusigkeit des „Tagesschau“-Personals herausragt – notfalls nimmt man auch holländischen Mietglamour wie den der van der Vaarts in Kauf. Und Prominente reagieren zunehmend auf den postmodernen Transparenzfetisch, der die westliche Gesellschaft im Griff hat. Nichts soll unentdeckt, geheimnisvoll, im Dunkel der Intimität verborgen bleiben. Alles muss ans Licht, ins Netz! Die Wulffs sprengten wie die zu Guttenbergs den üblichen Rahmen der Polit-Inszenierungen – und zahlen jetzt den Preis dafür.

... sind die, die scheitern

Die Neugierde auf alles, was sich unseren Blicken entzieht, ist zutiefst menschlich. Nicht nur Biologen und Physiker versuchen, das große Ganze aus den Wechselwirkungen seiner kleinsten Teilchen zu erklären. Auch Journalisten konzentrieren sich zunehmend auf Details, vermeintliche Marginalien, Randständiges, Infotainment. Bei den einen geht es um Atome, Chromosomen, Gene. Bei den anderen um Bill Clintons Zigarre, Sarah Connors Unterhose, Bettina Wulffs Tattoo.

Begeistert feierten die Medien die Originalität der blonden First Lady. Tätowiert! 1,85 Meter groß! Und Bettina Wulff feierte mit: erst in roten Stiefeln auf dem Cover der Zeitschrift „Emotion“, später  mit einem merkwürdig weinerlichen Buch. Jetzt, in der Krise, dämpft die damals gezielt erstrebte Außenwirkung das Mitleid. Heidi Klum und Seal, Sylvie und Rafael van der Vaart, Vanessa Paradis und Johnny Depp, Christian und Bettina Wulff – die Sehnsucht nach Traumpaaren mag groß sein. Die spannendsten Traumehen aber sind immer die, die scheitern.

Jörg Kallmeyer 07.01.2013
Margit Kautenburger 06.01.2013