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Meinung In Aufruhr
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22:54 26.01.2011
Von Daniel Alexander Schacht
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Und der Ruf „Nieder mit Mubarak“ eint den Protest in Ägypten.

Szenen wie jetzt in Kairo sind derzeit quer durch die arabische Welt zu beobachten. Von Algerien über Tunesien und Ägypten, Jordanien und den Libanon bis zur Türkei gärt es im Süden und Osten des Mittelmeers. Von Norden aber blicken die EU-Staatschefs überrascht und ratlos auf diese Welle des Protests. Denn der stellt nicht nur die arabischen Systeme infrage, sondern auch die jahrzehntelange Kumpanei von Europäern und Amerikanern mit diesen Regimen.

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Mit Islam und Demokratie …

Allzu lange sahen EU und USA Stabilität als Selbstzweck, allzu lange ließen sie sich von Arabiens Herrschern einreden, deren Autokratie sei immer noch besser als die Machtergreifung einer Opposition, die am Ende doch nur islamische Gottesstaaten rund um den Globus errichten wolle.

Doch was die Protestierenden jetzt fordern, hat nichts mit dem oft prophezeiten „Zusammenprall der Zivilisationen“ zu tun. Im Gegenteil: Vielerorts fordert eine junge, gut ausgebildete Großstadtjugend ganz schlicht dieselben Freiheiten, wie es sie in Europa und in den Vereinigten Staaten gibt.

Für Freiheit und Demokratie, gegen Folter und Korruption – so lauten die erklärten Ziele der Demonstranten in Kairo und Tunis, Algier und Amman. Antiwestliche Töne klingen anders. Und selbst falls islamische Oppositionelle wie Rashid Ghannouchi mitmischen sollten: Der Tunesier hat in seinem langen Exil in London erlebt, dass die Trennung von Staat und Religion auch für Muslime keine Hürde, sondern der Garant individueller Religionsfreiheit ist. „Auf dem Pflaster blüht der Jasmin“ lautet ein Slogan der Aufständischen in Tunis – eine Anspielung an die 68er-Revolte in Paris und damit ein Hinweis darauf, dass diese Revolutionäre viel mehr auf den Westen als auf den Orient ausgerichtet sind.

Zwar flackern in Ankara und Beirut auch Alarmsignale auf: Türkei-Premier Recep Tayyip Erdogan sucht mit religiösen Tönen den Schulterschluss mit den Arabern statt auf einen klaren Kurs westwärts zu setzen. Noch schwieriger ist die Lage im Libanon, wo mit dem neuen Hisbollah-Premier Nadschib Mikati jetzt die labile Balance von Schiiten, Sunniten und Christen kippt. Doch noch ist die Hoffnung auf einen Wandel zum Positiven nicht verloren.

… gegen Terror und Despotie

Eine gute Formel dafür, wie mit der islamischen Welt umzugehen ist, stammt von einem Nahostexperten, der deren Risiken direkter zu spüren bekommt als jeder Europäer: „Mit dem Islam gegen den Terror“, rät Avi Primor, einst Botschafter Israels in Deutschland: Nicht der Islam selbst, sondern elende Lebensbedingungen von Muslimen führten zum Terror – ein Hinweis, den Primor auch mit Blick auf den Umgang der israelischen Regierung mit den Palästinensern formuliert.

Gerade in Israel blickt man außer mit Sympathie auch mit Sorge auf den Protest in Ägypten. Zwar ist der Wandel dort überfällig: Seit 30 Jahren regiert der 83-jährige Husni Mubarak autoritär, die Pressefreiheit ist begrenzt, Betrug gab es bei der Parlamentswahl 2010, Betrug wird auch für die Präsidentschaftswahl 2011 befürchtet. Die jüngste Polizeigewalt und die Internetzensur zeugen von der Nervosität des Regimes. Aber dessen Sturz führt nicht automatisch zu Demokratie, Ägypten ist auch Heimat der Muslimbrüder, die lange vor Israels Staatsgründung schon auf Terror setzten.

Umso dringender ist jetzt aktiver Rückhalt aus Brüssel und aus Washington. In Tunesien muss nach dem Regimesturz der Wechsel zu stabiler Demokratie gesichert werden. Ägypten muss ebenso begleitet werden. Denn ein Kurswechsel des neben Jordanien einzigen arabischen Landes, das einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen hat, könnte der Region einen neuen Krieg bescheren.

Aber Arabiens Demokraten brauchen jetzt nicht Zagen und Zaudern, sondern zupackende und zuversichtliche Helfer. Ist es unrealistisch, ans Wunder eines demokratischen Wandels der Arabischen Welt zu glauben, der der ganzen Region und damit auch Israel Frieden beschert? „Wer im Heiligen Land nicht an Wunder glaubt“, pflegte Israels Staatsgründer David Ben-Gurion solchen Einwänden zu begegnen, „der ist kein Realist.“

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