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Meinung Jesus, der Single
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23:18 23.12.2010
Von Michael B. Berger
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Sogar Schnee schmückt das Weihnachtsfest 2010, an dem die Familie, soweit sie will, endlich zu sich selbst kommen kann. Wenn man sie lässt.

Aber halt. Das ist alles ein großes Missverständnis, dieses ganze Getue um die Krippenschar, das Gerede vom himmlischen Frieden und die Predigten von der Familie als Ursuppe der Gesellschaft oder als Keimzelle von Politik und Staat – egal, ob die Sippe nun aus Blutsverwandten besteht oder sich als Patchworkfamilie versteht. Jesus von Nazareth jedenfalls, sagt der Schweizer Hans Conrad Zander in seinem neuesten Buch, sei „ein Familienfeind“. Ja, der erste Single überhaupt, Ahnherr einer viel größeren Bewegung, die in den urbanen Zentren unserer Welt, auch am 24. Dezember, ihr fröhliches Alleinsein feiert.

Ende einer Illusion?

Also weg mit den Krippen unter den Altären in den Kirchen Niedersachsens? Schluss mit den Krippenspielen und Huldigungen des göttlichen Kindes, welches in frostiger Nacht von Hirten und Heiden, ja sogar von „Weisen aus dem Morgenland“ so etwas wie Anbetung erfährt? Ende der Vorstellung, ausgerechnet die Feier der Geburt des Sohnes Gottes sei das große deutsche Familienfest?

Wir werden uns an diesem herausgehobenen Datum nicht die Weihnachtsfreuden vermiesen lassen. Doch ein Blick auf Zanders Argumentation lohnt sich. Der ehemalige Dominikanermönch und Reporter stellt nämlich pointiert heraus, was auch Prediger zu allen Zeiten über Jesus behauptet haben, ohne dass es das Publikum aus den Sesseln gerissen hätte: Dass Jesus wirklich ganz anders sei als die Schablonen, die über Jahrhunderte über ihn gelegt worden sind. Dass er radikal anders sei.

Tatsächlich hat Jesus, das Krippenkind, als es erwachsen war, geredet wie ein 68er, als der noch jung, wild und kein gut betuchter Frühpensionär war. „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“, heißt es etwa im Matthäus-Evangelium. Oder: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwester, dazu sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein“, lautet es bei Lukas im 14. Kapitel. Jesus, der „Familienhasser“ – mit Blick auf das Krippenkind doch eine erstaunliche Wendung.

Aber so wird er gewesen sein, der historische Jesus – soweit wir ihn rekonstruieren können aus raren Quellen, die selbst Glaubenszeugnisse sind. Aus dem, was wir wissen, schält sich das Bild heraus von einem, der aufs Ganze geht. Von einem, der in seinem nur dreißig Jahre währenden Leben Konsequenz von seinen Anhängern erwartet. Alles stehen und liegen lassen, keine faulen Kompromisse um des lieben Friedens in der Familie machen – das hat er, der gewöhnlich als die Sanftmütigkeit in Person dargestellt wird, gepredigt. Um die eigene Familie hat er, das nahe Ende im Blick, sich fast gar nicht gekümmert. Aber schließlich ist ein Gottes- auch kein Muttersohn.

Von guten Mächten

Es ist Hans Conrad Zanders Verdienst, Jesus aus der Umhegung wohlmeinender Interpreten befreit und damit auch den wilden, unbürgerlichen Zug freigelegt zu haben, der dem Christentum auch innewohnen kann. So uninteressant, wie mancher glaubt, ist die Geschichte von Jesus und was die Kirche im Laufe der Jahrhunderte aus ihm gemacht hat, nicht. Jesus hat das Kommen des Reiches Gottes gepredigt, das Nahen des Weltgerichts, spottete einst ein namhafter Theologe, gekommen sei aber die Kirche.

Da Jesus so radikal anders war, sind in der langen Geschichte des Christentums nur wenige auf den Weg seiner Nachfolge abgebogen und haben sich in existenziellen Auseinandersetzungen von allem losgesagt, was uns gewöhnlichen Sterblichen wichtig ist. So ein Mann war etwa Dietrich Bonhoeffer, der aus christlicher Verantwortung in den Widerstand gegen Hitler ging und dessen Vers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ in diesen Tagen in den Kirchen erklingt. Bonhoeffer schrieb sein Gedicht in Gestapo-Haft – als Weihnachtsgruß an seine Verlobte.

Auch wenn wir selbst von der Nachfolge Jesu meilenweit entfernt sind, ist es wichtig, von Menschen wie Bonhoeffer zu hören. Und zu den unverwüstlichen Hinterlassenschaften des „Singles“ Jesus gehört nun einmal das Weihnachtsfest, ein Wunder: Denn welcher „Single“ sonst hat weltweit eine solche Resonanz erzielt wie der Mann aus Nazareth?

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