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Meinung Kampf um VW auf offener Bühne
Nachrichten Meinung Kampf um VW auf offener Bühne
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06:49 13.04.2015
Von Stefan Winter
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Wäre Ferdinand Piëch ein paar Jahrzehnte jünger, hätte er wohl die Methode Trennung per Twitter gewählt. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ – das ist ein kühl formulierter Satz aus dem Off, aus der Ferne der Salzburger Berge.

Piëch gibt dem Rest der Welt ein Rätsel auf. Was treibt ihn, gegen VW-Chef Martin Winterkorn vorzugehen, der in den vergangenen Jahren gefeiert wurde wie kein anderer deutscher Manager?

Winterkorns Erfolge seit dem Amtsantritt 2007 sind spektakulär, aber natürlich ist auch seine Bilanz nicht makellos. Er hat die Organisation extrem auf sich selbst zugeschnitten, VW ist dafür längst viel zu groß. Der Konzern lebt im Wesentlichen von China, Audi und Porsche – der Rest tut sich schwer. Neue Technologien wie E-Auto und Digitalisierung wurden spät ernst genommen. Das teure Comeback in den USA steht auf der Kippe. Im wachstumsträchtigen Billigsegment hat man kein Angebot. Es lassen sich also Gründe finden für einen Wechsel, und es gibt auch Gründe, Winterkorn nicht zum Aufsichtsratsvorsitzenden zu machen: Ein künftiger Konzernchef hätte es unter diesem Aufseher schwer, neue Wege zu gehen.

Piëch will Winterkorn als künftigen Aufsichtsratsvorsitzenden verhindern. Der einstige Ziehsohn ist ihm offenbar inzwischen zu selbstbewusst und zu mächtig geworden. Dabei scheint es Piëch egal zu sein, dass er jetzt mit einem sechs Wörter langen Satz einen Konzern mit 600 000 Mitarbeitern in Aufruhr gebracht hat. Die VW-Leute, vom Spitzenmanagement in der Konzernführung bis zum Techniker im Werk vor Ort, hätten viel Dringenderes zu tun, als dem Sinn von Piëchs Worten nachzuspüren oder über die verbleibende Amtszeit Winterkorns zu spekulieren. Ein geschwächter Konzernchef ist das letzte, was VW gebrauchen kann.

Piëch inszeniert den Konflikt als Demontage Winterkorns auf offener Bühne. Das hat nicht nur mit Piëchs Persönlichkeit zu tun, dahinter steht eine Strategie. Die legendäre Macht der Piëch-Worte soll Winterkorn zermürben, vor aller Augen. Bliebe es bei einem Machtkampf hinter verschlossenen Türen, das ahnt Piëch, stieße er schneller an Grenzen.

Im Aufsichtsrat steht Piëch gegen den Betriebsrat und bisher auch gegen das Land Niedersachsen, den zweitgrößten  Aktionär. Betriebsratschef Bernd Osterloh hat Winterkorn stets demonstrativ den Rücken gestärkt, vielleicht schon im Wissen um Piëchs Pläne. Ministerpräsident Stephan Weil zeigt sich „unangenehm überrascht“, eine Wortwahl, die wiederum Distanz zu Piëch markiert. Osterloh und Weil werden versuchen, so schnell wie möglich die Geräusche zu dämpfen. Den Machtkampf selbst – nicht nur mit Piëch, sondern wahrscheinlich mit der ganzen Aktionärsfamilie – können sie nicht verhindern.

Gabi Stief 10.04.2015
Saskia Döhner 10.04.2015
10.04.2015