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Meinung Karl-Ludwig Baader zum Koran
Nachrichten Meinung Karl-Ludwig Baader zum Koran
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21:22 13.04.2012
Von Karl-Ludwig Baader
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Für die muslimischen Salafisten, die derzeit im Blickfeld unserer Öffentlichkeit stehen, ist der Koran indes nicht nur eine Inspira­tion für ihr religiöses Leben, er ist unmittelbar Gottes Wort, das wörtlich zu befolgen ist.

Nun ist die Frage, wie man einen historischen Text interpretiert, keine, mit der sich der Staat befassen sollte. Das gilt, solange diese Interpretation nur der internen Selbstverständigung eines religiösen Milieus dient und niemandem aufgezwungen wird.

Im Rahmen der Verfassung und der geltenden Gesetze kann jeder die Religionsfreiheit genießen – die allerdings ein individuelles Recht ist. Religionsfreiheit ist immer die Freiheit des Anders- und des Ungläubigen. Religion ist letztlich Privatsache. Im Prinzip. Gleichwohl ist sie im öffentlichen Raum präsent. Jeder Mensch kann dort für seine Überzeugungen werben. Hier treten Religionen als Konkurrenten auf. Und es ist nicht zu übersehen, dass das Missionieren immer auch ein Machtkampf um kulturellen Einfluss ist, es geht um Macht über Denken und Fühlen der Bürger.

Das kann, vor allem wenn es aggressiv betrieben wird, Ängste und heftige Abwehrreaktionen auslösen. Die historische Erfahrung zeigt: Ein Nationalist macht zwei. Auch Leute, denen ihre Nationalität keine besondere Herzensangelegenheit ist, werden zu Verteidigern ihrer Nation, wenn sie ihr Land ungerecht behandelt sehen. Analog wecken neue religiöse Strömungen Abwehrreflexe auch bei vielen, die etwa mit dem Christentum nicht mehr viel zu tun haben. Wir bewegen uns hier auf einem Feld, auf dem politische und kulturelle Konflikte, die es in jeder Gesellschaft gibt, ausgetragen werden. Gerade weil das gesellschaftliche Klima sich besonders bei kulturell bestimmten Querelen leicht erhitzen kann, kommt vieles durcheinander.

So werden dann immer mal wieder Ideen von einer nie näher bestimmten „deutschen Leitkultur“ propagiert, die politische und kulturelle Aspekte vermischen. Die Leitkultur einer freien demokratischen Gesellschaft sind die Verfassung und ihre demokratischen Werte, aber eben nicht die religiösen Traditionen der Mehrheit der Bevölkerung. Auch deutsche Agnostiker oder Atheisten sind nicht an einer Privilegierung christlicher Überzeugungen interessiert.

In einer säkularen Gesellschaft müssen die letzten und vorletzten Dinge strikt unterschieden werden. Jede monotheistische Religion bezieht sich auf etwas Absolutes, das ihren Anhängern heilig und damit eigentlich allem Menschengemachten überlegen ist. Moderne Gesellschaften sind aber durch das Nebeneinander letzter Wahrheiten bestimmt. Es bleibt dem modernen Gläubigen nichts anderes übrig, als die Existenz eines anderen Glaubens oder des Unglaubens zu akzeptieren.

Das sollten Selbstverständlichkeiten sein. Gerade die Deutschen wurden in ihrer Geschichte mit dem blutigen Desaster von Religionskriegen konfrontiert, es gelang ihnen aber auch in einem langen Prozess, die unterschiedlichen, sich noch lange feindlich begegnenden christlichen Konfessionen in ein Institutionengefüge einzubinden. Religiöse Gemeinschaften bilden „Verbände“, die ihre Interessen im Rahmen der Gesetze geltend machen können. Der wichtigste Zweck dieser Institutionalisierung ist die Befriedung der kulturellen oder religiösen Konflikte, die, wenn sie durch Fanatiker und Glaubenskrieger angeheizt werden, sich zu Kulturkämpfen radikalisieren können und so das politische und gesellschaftliche Klima vergiften.

Es ist im eigenen Interesse jener Gläubigen, die ihre Religionsausübung mit ihren Pflichten als Bürger vereinbaren wollen, das friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften zu fördern. Dazu gehört es – das ist nur auf den ersten Blick paradox –, den Anspruch der Fanatiker, die „wahren“ Interpreten ihrer Religion zu sein, kämpferisch und offensiv infrage zu stellen.

Den Gemäßigten aller Religionen kommt in den kulturellen Verständigungsprozessen der modernen pluralistischen Gesellschaft eine zentrale Rolle zu. Die politischen Instanzen können nur den institutionellen Rahmen schaffen. Für jene, die die Verfassung infrage stellen, sind Polizei und Justiz zuständig.

Saskia Döhner 12.04.2012
12.04.2012
Heiko Rehberg 12.04.2012