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20:46 06.02.2014
Von Gabi Stief
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Wenn in Berlin demonstriert wird, merkt kaum noch jemand auf. Der Protest gehört zur Stadt wie der Funkturm, die Spree und die Berliner Weiße. Vor zwei Monaten hisste das Jugendamt in Berlin-Mitte weiße Fahnen vor dem Fenster, um anzuklagen: Hilfe, wir sind am Ende! Der Notruf versendete sich; aber es ist zu befürchten, dass man sich irgendwann an die Aktion erinnern wird. Spätestens dann, wenn der Staat wieder einmal blamiert dasteht.

So wie in Hamburg. Dort haben jetzt interne Prüfer die Personalnot in den städtischen Kinderschutzstellen als katastrophal geschildert und eine Mitverantwortung der Behörden für den Tod der dreijährigen Yagmur nicht ausgeschlossen. Das Mädchen wurde vermutlich vom eigenen Vater totgeprügelt – unter den Augen des Jugendamts, das die Familie seit Jahren betreute. Vor zwei Jahren starb die elfjährige Chantal in einer Hamburger Pflegefamilie an einer Methadonvergiftung. Auch damals hatte das Jugendamt versagt. Es hatte von der Drogenabhängigkeit der Pflegeeltern gewusst.

Das Elend wird verwaltet

Es sind Geschichten, die man schwer ertragen kann. Im Fernsehkrimi sorgen sie für Spannung, im wirklichen Leben, gar in der Nachbarschaft, sind sie einfach nur grausam und unbegreiflich. Man stellt sich die Familie gern als Hort der Geborgenheit vor; als Ort der Liebe und Fürsorge. Eltern, die ihre eigenen Kinder prügeln und quälen, stören da nur. Doch das Wegschauen ist gefährlich. Nicht nur, weil Kinder leiden. Man weiß: Es sind die Opfer väterlicher Gewalt, es sind die Kinder, die mit Demütigung und Prügel aufwuchsen, die später als Erwachsene zu Tätern werden.

Warum versagen die Behörden? Jedes Mal, wenn ein Todesfall bekannt wird, versichern Politiker aufs Neue, dass der Kinderschutz in Deutschland ganz oben rangiert – dort, wo weder am Geld noch am Personal gespart wird. Als der zweijährige Kevin in Bremen tot im Kühlschrank gefunden wurde, misshandelt vom drogenabhängigen Ziehvater, machte die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen Jahre später zehn Millionen Euro locker, um bundesweit „soziale Frühwarnsysteme“ für gefährdete Kinder aufzubauen. Vor zwei Jahren trat das neue Bundeskinderschutzgesetz in Kraft, das Jugendämter, Familiengerichte, Kinderärzte und Familienhebammen zu einem „wirksamen Netzwerk“ schmieden sollte. So lautete das Versprechen.

Der Alltag sieht häufig anders aus. Während die Aufmerksamkeit wächst und immer mehr Hinweise auf Kindesmisshandlungen gemeldet werden, arbeiten die Jugendämter am unteren Limit. Vor allem in den Großstädten und ihren Problemvierteln, wo Sozialarbeiter dringend gebraucht werden, werden die Etats zusammengestrichen. In Hamburgs Jugendämtern ist jeder Mitarbeiter im Schnitt für etwa 90 Familien zuständig, in denen Kinder als gefährdet gelten. Fast jeder zweite ist Berufsanfänger, weil die Erfahrenen nicht lange durchhalten. Hundert Fallakten stapeln sich auf dem Schreibtisch eines Jugendamtmitarbeiters im Berliner Bezirk Pankow. Aus engagierten Helfern mit großen Vorsätzen werden Manager des Elends.

Es fehlt an Personal. Es fehlt eine starke Lobby, die sich in Rathäusern und Landtagen erfolgreich gegen Kürzungen zulasten der Kinder stemmt. Aber es geht nicht nur um Geld. Es mangelt an Aufmerksamkeit, die auch ein „Elternführerschein“ und „Kurse für überforderte Eltern“, wie sie jetzt ein CDU-Politiker forderte, nicht garantieren könnten.

Wenn Eltern tricksen

Die Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat machen mit ihrem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ das System des Kinderschutzes in Deutschland für das Versagen mitverantwortlich. Zu den dringlichsten Fragen gehört die Kooperation zwischen freien Trägern und Jugendamt. Sicherlich, der Sozialarbeiter von der Caritas wird eher in die Wohnung gelassen als der vom „Amt“. Doch die Arbeitsteilung führt häufig zur Abschottung der Hilfesysteme, die den Eltern das Austricksen erleichtern. Mehr Kontrolle fordern die Rechtsmediziner. Und mehr Misstrauen.

Astrid Lindgren, die große Meisterin der Kinderliteratur, hat einmal gesagt, dass Kinder Achtung vor ihren Eltern haben sollten. Aber ganz gewiss sollten auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und niemals dürften sie ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen.
Niemals Gewalt. Die Mahnung ist schon etwas älter, aber leider hochaktuell.

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