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00:15 18.07.2013
Von Uwe Janssen
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Bis zum Wochenende war der Rapper Shindy in Deutschland ein weitgehend unbekannter Mann. Das hat sich innerhalb von zwei Tagen geändert. Shindy war in den „Tagesthemen“. In den Boulevardmagazinen. In allen Zeitungen. Und allen Onlinemedien. Weil sein weitgehend bekannter Kumpel Bushido das genau so geplant hatte. Als Werbefeldzug für Shindy, der auf Bushidos Label Musik veröffentlicht. Als komplett kostenlose Marketingkampagne. In einem Video seines Schützlings rappt Bushido ein paar Zeilen, in denen er Schwule beleidigt und zwei Politikern den Tod an den Hals wünscht. Nicht, weil Bushido jemanden töten will. Sondern weil er Platten verkaufen will. Und dazu einen Medienskandal braucht. Oder zumindest ein Skandälchen. Mit einem geschmack- und verantwortungslosen, aber immer noch wirksamen Provokationsritual. Oder kurz: PR.

Plötzlich ein Lieber

Das allein reicht allerdings noch nicht. Bushidos Kernzielgruppe besteht nicht aus Zeitungsabonnenten und „Tagesthemen“-Zuschauern, und was die angegriffenen Politiker Claudia Roth, Klaus ­Wowereit und Serkan Tören beruflich machen, ist Bushido-Hörern völlig egal – so sie denn überhaupt wissen, um wen es geht. Das kalkulierte Echo wird auf eigenen Kanälen ausgewertet und über die sozialen Netzwerke in die geeigneten Bahnen gelenkt: Auf seinem Twitter­Account liefert der Rapper genüsslich die Presseschau zum kalkulierten Skandälchen, erreicht damit exakt sein potenzielles Publikum, lässt sich dort für seinen Mediencoup feiern und hat nicht nur die Aufmerksamkeit zurück, sondern auch das, was in seinen Kreisen „Credibility“ heißt.

Die hatte er mit seinem letzten großen Medienauftritt ein wenig verzockt. Als er 2011 den Geläuterten gab, von seinem Laudator Peter Maffay den Integrations-Bambi des Hauses Burda in die Hand gedrückt bekam und in einer dem Anlass angepassten Rede von seiner zweiten Chance redete, war er plötzlich ein Mainstreamkünstler und trat in Großraumhallen auf. Was in der Szene an seiner Glaubwürdigkeit kratzte.

Aber auch da waren alle Medien zur Stelle und berichteten ausführlich über die Paulus-Werdung des bösen Jungen, der jetzt ein quotenbringender Prominenter war. Dass es schon damals Kritik hagelte ob seiner frauen- und schwulenfeindlichen Texte, war egal. Die Aufmerksamkeit war da. Wie bei der neuerlichen Kehrtwende jetzt.

Allerdings muss es diesmal ein bisschen mehr sein. Gegen ein Aufmerksamkeitsdefizit hilft Provokationsmarketing noch immer am besten, aber die Zeiten für Provokateure sind härter geworden. Zu vieles ist mittlerweile normal. Sex funktioniert auch auf Theaterbühnen schon lange nicht mehr. Die Band Rammstein, die in den Neunzigern mit wohlkalkuliertem Rechtsprovo-Image parallel zur Musik den Weg über die Schlagzeilen wählte, wird jetzt von VW zum noblen Movimentos-Festival eingeladen. Dass Künstler Jonathan Meese mit dem wiederholten Zeigen des Hitlergrußes auf ­öffentlichen Veranstaltungen, wofür er sich in Kassel jetzt vor Gericht verantworten muss, noch einen Skandal auslöst, ist schon fast bemerkenswert.

Todesdrohungen aber gehen immer noch. Der Wirbel um den Slogan „Tötet Onkel Dittmeyer“ machte das Brachialkabarett „Die angefahrenen Schulkinder“ vor 20 Jahren bekannt. Christoph Schlingensief wurde 1997 festgenommen, weil er ein Schild mit der Aufschrift ­„Tötet Helmut Kohl“ hochhielt. Es war Teil seines Beitrags zur documenta X. Plötzlich schauten auch Banausen nach Kassel.

Teil des Spiels

Auch in den Fußballfankurven wird der Tötungsaufruf als Provokation eingesetzt – meist verbal und deshalb schlecht konfiszierbar. Von der Nordtribüne im 96-Stadion schallt es seit Jahren „Tod und Hass dem BTSV“, auch wenn die gemeinten Braunschweiger bislang in tieferen Ligen spielten.  

Juristisch wird Bushido vermutlich Strafe ins Haus stehen. Klaus Wowereit hat Strafanzeige erstattet, die Berliner Staatsanwaltschaft prüft den betreffenden Song bereits, die Empörung bei Politikern ist groß, Rufe nach dem Rechtsstaat werden laut. Aber das ist ein Teil des Spiels, Indizierung inklusive.

Am härtesten würde man Bushido treffen, wenn man ihn ignorierte und seine Sätze ins Sommerloch laufen ließe. Denn nichts ist in Bushidos Kreisen so uncool, wie unwichtig und irrelevant zu scheinen. Auch, wenn man es im Grunde immer geblieben ist.

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