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Meinung Die Zeit ist reif
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00:15 11.07.2013
Von Matthias Koch
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Mit den normalen Hustenbonbons von Pulmoll gibt es kein Problem. Die kleinen dunklen Drops aus der aufdrehbaren Dose können so, wie die Fabrik bei Freiburg im Badischen sie herstellt, auch in die USA exportiert werden.
Anders sieht es mit der roten und der orangefarbenen Variante aus. „Pulmoll Kirsch“ enthält einen Aromastoff, für den es in den USA keine Zulassung gibt. „Pulmoll Orange“ verdankt seine Farbe einem Paprikaextrakt, den die Amerikaner ebenfalls nicht erlauben. Ergebnis: Gnadenlos senkt sich die Schranke eines sogenannten nicht tarifären Handelshemmnisses. Die Drops, die Deutsche ohne Bedenken lutschen dürfen, müssen aus Sicht des US-Zolls draußen bleiben.

Beispiele wie diese zeigen: Eine Freihandelszone zwischen EU und USA ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Mehr noch: Vielleicht ist ein europäisch-amerikanisches Zusammenrücken angesichts von Schuldenkrisen hier und Geheimdienstaffäre dort die beste Idee, die derzeit diskutiert wird. Sie könnte dazu führen, dass sich die Menschen über den Atlantik hinweg dauerhaft näherkommen – ganz unabhängig davon, ob ihre Regierungen gerade mal wieder schlecht aufeinander zu sprechen sind.

Kaufe iPhone, biete Waschmaschine

Eine gemeinsame Regelsetzung mag anfangs immer etwas kompliziert sein. Doch die Mühe würde sich lohnen: Experten schätzen, dass auf beiden Seiten des Atlantiks Hunderttausende neue Jobs entstehen würden, wenn die bisherigen Handelshemmnisse wegfielen. Endlich könnte jeder, ob Maschinenbauer oder Bonbonfabrikant, nach einheitlichen Vorschriften gleich für einen Markt von 800 Millionen Menschen produzieren.
Verbraucherschützer blicken derzeit noch ein bisschen unentspannt auf den riesigen neuen Markt, der da entstehen könnte. Tatsächlich drohen zunächst neue Unübersichtlichkeiten. Doch auch die USA haben bereits jetzt viele Verbraucherschutzvorschriften. Und vieles, was als Frage der Sicherheit dargestellt wird, ist am Ende eher eine Geschmackssache – die der Kunde zu entscheiden hat.

So hätte „Pulmoll Orange“ in den USA, Extrakte hin oder her, gute Chancen. Dagegen hätten amerikanische Hähnchenexporteure, die in den USA ihre Tiere mit Chlor desinfizieren, in Deutschland schlechte Karten. Deutsches Bier könnte in den USA reißenden Absatz finden, auch und gerade dann, wenn es nach dem guten alten deutschen Reinheitsgebot gebraut ist. Amerikanisches Bier dagegen würde hier eher misstrauisch beäugt: Sind da Konservierungsstoffe drin? Wichtig ist eine klare Kennzeichnung.
In der EU fürchten derzeit viele eine Amerikanisierung Europas. Doch die Dominanz von Apple, Google und Microsoft in Europa ist schon jetzt sehr stark; da würde sich nicht mehr viel ändern. Eher würde eine Freihandelszone im Alltag der Amerikaner etwas verschieben, vielleicht sogar im Sinne einer nie dagewesenen Europäisierung Amerikas. Deutsche Bioprodukte etwa stehen bei den urbanen Mittelschichten in den USA bereits jetzt hoch im Kurs. Auch viele weitere Dinge, von der Waschmaschine bis zum Auto, gelten als besonders cool, wenn sie leistungsfähig und energiesparend sind – und aus Deutschland kommen.

Ein Gong ginge um den Globus

Man wird Gespräche über die Freihandelszone nicht zum Erfolg führen können, wenn nicht auch das Problem der  NSA-Datenaffäre bearbeitet wird und zu Konsequenzen führt. Vernünftig wäre es, parallel ein europäisch-amerikanisches Datenschutzabkommen auszuhandeln. Weder den Europäern noch den Amerikanern wäre allerdings damit gedient, wenn die NSA-Affäre die Freihandelsgespräche total blockieren würde.

Vor allem die Deutschen sollten jetzt nüchtern ihre nationalen Interessen sortieren. Das Exportland Deutschland bestraft nicht andere, sondern vor allem sich selbst, wenn es als Antwort auf Geheimdienstaffären den Freihandel einschränkt. Oder verfolgt jemand in der EU ernsthaft den Gedanken, Großbritannien vom EU-Binnenmarkt auszuschließen, weil der Londoner Geheimdienst maßlos geworden ist bei seinen Ausspähungen?

Jenseits des Ökonomischen wäre die Freihandelszone, auch daran muss man denken, ein weltpolitischer Coup. Ein Gong ginge um den Globus. China, Russland und die Scheichs würden den Ideen und Bitten von EU und USA genauer zuhören, wenn dahinter ein gigantischer gemeinsamer Markt mit der höchsten Kaufkraft weltweit stünde. Besonders bei Fragen von Umweltschutz und Arbeitnehmerrechten könnte es helfen, wenn EU und USA ihr gemeinsames Gewicht in die Waagschale werfen.

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