Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Musste erst die Kirche brennen?
Nachrichten Meinung Musste erst die Kirche brennen?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:26 02.08.2013
Von Conrad von Meding

 Erst, als anderthalb Stunden lang alle Löschversuche fehlgeschlagen waren und die Flammen schon aus den Turmfenstern schlugen, da erinnerte man sich bei den Garbsener Brandschützern an die Kollegen von der hannoverschen Berufsfeuerwehr. Die können mit ihrem Löschroboter direkt ins Inferno fahren und einen Brandherd von innen heraus bekämpfen. Vielleicht steht dieser Vorgang symbolisch dafür, dass eine frühe Erkenntnis manchen Schaden verhindern kann.

Das Feuer, das in der Nacht zu Dienstag die Willehadi-Kirche in Garbsen zerstörte, hat bundesweit Aufmerksamkeit gefunden. Mal wieder geht es um den Stadtteil Auf der Horst. 2011 war es ein Hilferuf des Leiters der örtlichen Hauptschule, der die Öffentlichkeit aufschreckte. Wegen der ständigen Gewalt, wegen Bedrohungen und Vandalismus forderte er Polizeischutz für seine Schule. Das hatte es noch nicht gegeben. Eine absichtlich niedergebrannte Kirche auch noch nicht.

Man mag sich kaum ausmalen, wie groß die öffentliche Empörung ausgefallen wäre, wenn eine Moschee gebrannt hätte. Wahrscheinlich gäbe es Lichterketten und Solidaritätsbekunden aus der gesamten Republik. Dass die öffentliche Erregung sich in Maßen hält, wird auch damit zusammenhängen, dass noch niemand wirklich weiß, wer die Täter waren. Und so leitet sich die Empörung um in eine wohltuende Welle der Solidarität. Katholiken öffnen ihre Kirche für evangelische Gottesdienste, Sportvereine veranstalten Benefizspiele, Menschen sammeln Geld für den Wiederaufbau. Man darf sicher sein: Die neue Kirche wird eine schöne Kirche werden. Doch auch wenn diese Wunde geheilt ist, dürfen diesmal nicht die Fragen nach den Ursachen verstummen.

Auf der Horst ist im Grunde ein traumhaft grüner Stadtteil an der Grenze zu Hannover. Von fast allen Fenstern und Balkonen blicken die Bewohner auf Grünanlagen mit Bäumen. Auch wenn der Name inzwischen ein Stigma trägt: Dort finden sich keine Hochhausgebirge und triste Betonwüsten. Der ab 1964 erbaute Stadtteil ist am Reißbrett so entworfen worden, dass er knapp 440 Einfamilienhäuser und gut sechsmal so viele Wohnungen in dreigeschossigen Plattenbauten umfasst – das ist keine schlechte Mischung.

Woher rühren also die Probleme? Im Kern ist es die jahrzehntelange Vernachlässigung durch verantwortungslose Eigentümer – Hunderte Wohnungen wurden zuletzt von einem anonymen Fonds an den nächsten weitergereicht. Dazu kommt eine völlig verfehlte Belegungspolitik, die dazu führt, dass sich in den Plattenbauten die Probleme ballen.

Solche Stadtteile gibt es überall in Großstädten und deren Speckgürteln. Man darf aber rechtschaffen erstaunt sein, dass erst jetzt nach dem Kirchenbrand die Frage wieder auf die Agenda kommt, ob Jugendgangs einen Stadtteil quasi regieren dürfen. Die Berichte von Bewohnern, die sich terrorisiert fühlen, sind erschreckend; ihre Erfahrung, dass Streifenwagen der Polizei lieber deeskalierend vorbeifahren, wenn Jugendliche randalieren, ist alarmierend. Das darf so nicht bleiben.

Die neuen Wohnungseigentümer, darunter eine regionale Firma, wollen jetzt endlich investieren. Die Stadt will endlich neue Sozialarbeiter einstellen. Die Polizei will endlich genauer hinschauen. Alles richtig, alles gut. Aber musste wirklich erst eine Kirche brennen, damit es in Garbsen ziviler und menschenwürdiger zugeht?

Mehr zum Thema

Unzählige blaue Bänder als Zeichen der Solidarität mit der Willehadi-Gemeinde: Etwas mehr als 600 Skater sind Freitag Abend um 20 Uhr mit diesen Bändern in die sechste Skate Night Garbsen gestartet.

Markus Holz 05.08.2013

Welchen Aufgaben stellt sich Garbsens Politik nach dem Brand bei Willehadi am Dienstag? Einige Gruppen formulieren erste Einschätzungen. Die beiden größten Parteien, SPD und CDU, haben bisher nichts veröffentlicht.

Markus Holz 05.08.2013
Nachrichten Schwere Brandstiftung in Garbsen - Stadt erhöht Belohnung nach Kirchenbrand

Garbsen ist fassungslos. Nach dem Brand in der Willehadi-Kirche gibt es noch keine Spur von den Tätern. Die Stadt hat eine Belohnung ausgesetzt und am Donnerstag auf 15.000 Euro erhöht. Einige verdächtigen eine örtliche Jugendgang. Hat sie etwas mit dem Feuer zu tun?

Tobias Morchner 05.08.2013

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl wird die Regierung mit immer neuen Problemen konfrontiert – von Abhöraffäre bis Betreuungsgeld. Trotzdem sind die Werte für die Regierung Merkel so hoch wie nie. Werte, die nicht nur Meinungsforscher überraschen. Ein Kommentar von HAZ-Redakteur Jörg Kallmeyer.

Jörg Kallmeyer 02.08.2013
Meinung HAZ-Themenwoche "Kinder Kinder" - Mehr Mut!

Deutschland gibt viel Geld aus für Familien. Trotzdem fehlt es an Nachwuchs. Vielen sind Kinder zu teuer oder machen zu viel Arbeit. Doch das ist kein Grund, es ganz sein zu lassen. Eine Analyse von HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt.

Hendrik Brandt 05.08.2013
Meinung Nazis in Bad Nenndorf - So geht das

Die Neonazis spielen sich in Bad Nenndorf als mutige Tabubrecher auf, die an deutsche Opfer erinnern. Dahinter steckt aber der Versuch, braunes Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Und dieser Versuch ist in Bad Nenndorf gescheitert. Eine Analyse von Simon Benne.

01.08.2013