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Meinung Schluss mit der Gangsterehre
Nachrichten Meinung Schluss mit der Gangsterehre
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21:31 05.06.2015
Von Hendrik Brandt
Eigene Regeln? Die Polizei in der Herschelstraße.
Eigene Regeln? Die Polizei in der Herschelstraße. Quelle: Archiv
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Wieder ein Einzelfall. Vielleicht wieder ein Beamter, der sich nicht im Zaum hat und die staatliche Macht mit der eigenen verwechselt. Aber im Grunde ist nichts bewiesen und alles gut. Die Reaktion der Polizeispitze auf Geständnisse wie das von Thomas S. ist vorhersehbar. Und sie fällt gewiss nach bestem Wissen des Polizeipräsidenten aus. Die Frage aber ist, ob er und seine Spitzenbeamten wirklich noch seriös sagen können, wie es nachts um halb drei auf einer Wache etwa in der Innenstadt zugeht. Und diese Frage wird dringlicher.

Denn nach den widerlichen, noch immer nicht aufgeklärten Angriffen auf Flüchtlinge bei der Bundespolizei am Hauptbahnhof geht es nun um den Polizisten von nebenan, den man im Zweifel um Hilfe bitten möchte. Um den Schutzmann, den man im Stadtteil treffen könnte.

Thomas S. ist einer von ihnen. Folgt man ihm und anderen anonymen Zeugen, die es immer wieder einmal gibt, dann haben einige dieser Schutzleute ein übles Nachtgesicht. Mit ihm agieren sie wie eine Schlägertruppe, die mit Freude Farbige drangsaliert, vermeintlich Verdächtige in Schränke sperrt und später die Berichte an die Vorgesetzten so frisiert, dass niemand Verdacht schöpft. Und in der alle die Klappe halten, weil man nie weiß, was einem sonst blüht. Das kann man dann vornehm Korpsgeist nennen – oder einfach Gangsterehre. Die letztlich dazu führt, dass kaum einem dieser Vorwürfe nachgegangen werden kann und sich das System der inoffiziellen Gewalt im Amt offenbar selbst erhält. Die wirkliche Größe des Problems bleibt im Dunkeln.

Dieses nicht umfassende, mit großer Sicherheit aber eben auch nicht aus der Luft gegriffene Schweigekartell zu brechen, ist die entscheidende Voraussetzung dafür, mögliche Täter zu isolieren und die Polizei selbst zu schützen. Dabei helfen kluge Führung und Werkzeuge des Personalmanagements wie regelmäßige Versetzungen oder die Durchmischung von Abteilungen und Schichten. Schulungen und Vorbilder können ihren eigenen Beitrag leisten. Im Kern aber muss sich jeder Polizeibeamte immer wieder selbst fragen, ob er in dem Beruf (noch) richtig aufgehoben ist und was er im Dienst der Gesellschaft in einem sehr sicheren Job zu leisten hat.

Dass diese Antwort zuweilen zwiespältig ausfällt, ist zu verstehen. Welcher Vorgesetzte soll Polizisten motivieren, die einen Jugendlichen zum x-ten Mal aufgreifen und wissen müssen, dass er ihnen morgen wieder pöbelnd in die Arme läuft? Die sich oft abenteuerliche Geschichten von Verdächtigen anhören müssen und kaum Chancen haben, der Wahrheit auf den Grund zu kommen? Die stundenlang Einbruchsanzeigen tippen und sich beim Abspeichern sicher sind, dass darauf nie etwas folgen wird?

Die Polizei allein kann diese Fragen  nicht beantworten – sie ist aber sehr wohl mächtig genug, Justiz, Verwaltung und Politik darauf aufmerksam zu machen. Das aber wäre umso glaubwürdiger, wenn es ihr endlich gelänge, die Problemfälle in den eigenen Reihen zu erkennen und zu bestrafen. Die offenbar schwer reformbedürftige Bundespolizei hat da in Hannover noch unendlich viel zu tun – aber die heimische Polizeidirektion wohl auch.

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