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02:15 20.11.2015
Foto: Gegen 19.30 Uhr wurde das Länderspiel am Dienstagabend abgesagt - alle Menschen sollten zügig nach Hause gehen.
Gegen 19.30 Uhr wurde das Länderspiel am Dienstagabend abgesagt - alle Menschen sollten zügig nach Hause gehen. Quelle: Ole Spata
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Hannover

Was für eine Entscheidung. Wer die Pressekonferenz der Innenminister aus Bund und Land in der vergangenen Nacht verfolgt hat, erfuhr im Kern wenig – bekam aber eine Ahnung davon, wie kompliziert es gewesen sein muss, zwischen dem Fußballspiel und der Sicherheit seiner Zuschauer abzuwägen. Zum zweiten Mal in nicht einmal einem Jahr ist eine Großveranstaltung in Niedersachsen abgesagt worden, weil es Terrordrohungen und Hinweise auf einen Anschlag gegeben hat. Traf es zunächst den Braunschweiger Karnevalsumzug, geht es jetzt um ein Sportereignis, das nach den Morden von Paris zu einem Symbol für den Widerstand gegen den Terror hätte werden sollen. Wie beim Karneval war auch jetzt – jedenfalls bis tief in die Nacht – nicht belastbar bekannt, worin genau die Gefahr bestand.

Das macht einerseits ratlos und steigert andererseits die Sorge noch. Einem konkreten Gegner kann man ins Gesicht sehen, eine anonyme Bedrohung hingegen verbreitet schleichende Furcht, der kaum rational zu begegnen ist. Sie frisst sich in die Gedanken- und Gefühlswelten, ist nicht gut zu steuern. Am ehesten spüren das möglicherweise jetzt die jungen Spieler der Fußball-Nationalmannschaft, die nun gleich zwei Mal einen brutalen Eingriff der politischen Wirklichkeit dieser Welt in ihr Leben erfahren haben.  Die Angst kriecht voran – auch das ist ein Effekt des Terrors. Und seine Urheber wissen das.

Daher war die Entscheidung von Hannover so schwierig, und deshalb ist sie besonders bedeutend. Der Bundesinnenminister hat Recht, wenn er jetzt um Vertrauen in die Sicherheitsbehörden bittet. Es ist ein gutes Mittel gegen die Angst, vielleicht auch das einzige an Abenden wie gestern. Und sei es als erste Hilfe.
Auf Dauer jedoch wird sich der Teufelskreis von Terror, seiner Androhung und der Angst vor ihm so kaum durchbrechen lassen. Es ist gut, wenn die Polizei weiß, was sie warum tut – noch besser ist es, wenn sie es (und sei es später)auch sagen kann. In Braunschweig ist das bis heute nicht wirklich geschehen.

Das ist auch deshalb problematisch, weil es Spekulationen und Verschwörungstheorien Raum gibt, die bestenfalls falsch und zuweilen regelrecht gefährlich sind. Dass es etwa zwischen dem Islam als gelebter Religion und den Morden des IS keinen rationalen Zusammenhang gibt, ist im Grunde jedem denkenden Menschen bewusst. Das ist etwa so, als hielte man die deutschen Linksterroristen der siebziger Jahre für glaubhafte Freiheitskämpfer oder Arbeiterführer. Je weniger man jedoch weiß, je mehr das große Raunen im Netz vielerorts die Analyse der Fakten ersetzen kann, desto mehr nimmt sich die offene Gesellschaft das, was sie im Grunde ausmacht: die freie Rede und das freie Denken. Mit dem Dank an die Sicherheitskräfte für einen mutigen Entschluss geht also auch die Bitte einher, ihn irgendwann noch besser zu erklären.

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