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Meinung Kontrastprogramm: Seehofer und McAllister
Nachrichten Meinung Kontrastprogramm: Seehofer und McAllister
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21:42 21.10.2012
Von Klaus Wallbaum
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Was ist nicht alles Negatives über ihn gesagt worden – dass er heute dies vertritt und morgen das Gegenteil, dass er manchmal aus Prinzip gegen sinnvolle Vorschläge ist, nur weil er sich von anderen abgrenzen will, dass er die Probleme nicht durchdringt, sondern oft vorschnell Position bezieht und oberflächlich bleibt. Alles stimmt – und es schadet ihm trotzdem nicht. Umfragen sehen die CSU in Bayern nahe bei 50 Prozent – und diese gute Stimmung konnte Seehofer am Wochenende auf dem CSU-Parteitag in vollen Zügen genießen.

Vor der Bundestagswahl in einem Jahr sind noch zwei Landtagswahlen. Die in Bayern, vermutlich im September 2013, und die in Niedersachsen am 20. Januar, in nicht einmal mehr drei Monaten. Über den niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister heißt es, er habe einen „guten Draht“ zu Seehofer. Beide verstehen sich gut, beide sind leidenschaftliche Politiker, beide können auf Menschen zugehen. McAllister dürfte Seehofers Leistung, die zum Ende der Stoiber-Zeit zerstrittene CSU hinter sich zu scharen, bewundern. Beide sind auch vom Typ ähnlich, können über sich selbst lachen und bieten ein Kontrastprogramm zu den „drögen“ Typen an der Spitze von Landesregierungen – beispielsweise Olaf Scholz in Hamburg oder Erwin Sellering in Schwerin.

Interessant, weil unberechenbar

Trotzdem gibt es einen wichtigen Unterschied: Während Seehofer einen Großteil seiner öffentlichen Aufmerksamkeit aus der Tatsache ableitet, dass seine Auftritte unberechenbar sind und er nach der jetzt demonstrierten Harmonie morgen wieder einen neuen Streit mit der Kanzlerin anzetteln könnte, sucht McAllister den demonstrativen Schulterschluss. Der niedersächsische Ministerpräsident vermeidet es, auch nur in den Verdacht einer Abgrenzung von Angela Merkel zu geraten. Das Spiel mit zugespitzten Äußerungen in den Medien könnte er beherrschen, früher als niedersächsischer CDU-Generalsekretär hat er das bewiesen. Aber als Regierungschef legt sich McAllister eine Selbstbeschränkung auf, agiert übervorsichtig. Ist es die Angst, sich zu verrennen, wenn man einmal den vorgezeichneten Weg der Parteilinie verlassen hat?

Vermutlich stößt McAllister das Profilierungsgehabe seiner Parteifreunde ab, auch das von Seehofer, da dieses allzu oft nicht der Sache, sondern nur persönlichen Karriereplänen dient. Und eine Zukunft in der Bundespolitik schließt McAllister für sich aus. Vorerst. Bisher liegt McAllister in der Popularität weit vor seinem Herausforderer von der SPD, Stephan Weil. Weil ist noch dazu jemand, der als Typ stärker dem Hamburger Olaf Scholz als Seehofer ähnelt. Aber die Niedersachsen-CDU registriert auch, dass sie in der Vergangenheit weniger internen Zoff und weniger Skandale durchstehen musste als die CSU/FDP-Regierung in München. Trotzdem aber erreicht Seehofer mit seiner Art der Politik heute eine höhere Zustimmung als McAllister mit seinem Stil. Weil er auf keinen Fall polarisieren will, fällt der Niedersachse auch weniger auf. McAllister bleibt unter seinen Möglichkeiten bei seinen Versuchen, mit öffentlichen Auftritten Aufmerksamkeit zu erzeugen. Mit seiner Betonung der regionalpolitischen Probleme läuft er zudem Gefahr, provinziell zu wirken.

McAllisters große Zukunft

In der Riege der Länderregierungschefs zählt McAllister sicherlich zu den Leuten mit großer Zukunft, in der Riege der heute 40-jährigen CDU-Politiker, die später einmal in der Partei ganz vorne agieren können, steht er momentan an der Spitze. Der 63-jährige Seehofer, der mit Ilse Aigner schon eine potenzielle Nachfolgerin aufgeboten hat, gehört schon zum alten Eisen. Beide aber stehen vor wichtigen Wahlen, und eine Niederlage würde Seehofers Abschied von einem langen politischen Leben nur verkürzen. Für McAllister wäre es der vorläufige Abbruch einer hoffnungsvoll begonnenen Karriere. Sollte McAllister mehr von seinem politischen Freund Seehofer lernen, um seine Chancen bei der Landtagswahl noch stärker auszureizen? Bisher vermittelt der Niedersachse den Eindruck eines Handwerksmeisters, der nach langer Zeit des Angestelltendaseins endlich selbstständig geworden ist: Er beherrscht zwar alles, traut sich aber zu wenig zu in der übertriebenen Angst, Fehler zu machen. Seehofer hingegen stört es nicht, wenn er mal über die Stränge schlägt. Er macht das einfach – und vertraut darauf, dass die Leute ihm schon verzeihen werden.

Klaus von der Brelie 18.10.2012