Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Krisenkuscheln
Nachrichten Meinung Krisenkuscheln
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
22:26 29.04.2010
Von Mathias Philipp
Anzeige

Weit gefehlt. Dass dem gewerkschaftlichen Tag der Arbeit der große Trommelwirbel, das aufregende Element diesmal abgeht, hat vielleicht sogar damit zu tun, dass die Arbeitnehmerorganisationen es zurzeit gar nicht nötig haben, laut zu werden. Nach Jahren des scheinbar unaufhaltsamen Niedergangs haben sie so viel politischen Einfluss wie lange nicht. Ihr Ansehen in der Bevölkerung ist Umfragen zufolge deutlich gewachsen, und sowohl im Arbeitgeberlager als auch in der Politik begegnen ihnen viele mit einer ganz neuen Wertschätzung.

Renaissance in der Rezession

Anzeige

Dass diese Renaissance ausgerechnet in der Rezession stattfindet, hat drei wichtige Gründe. Erstens hat die von Angela Merkel geführte Große Koalition viel Wert darauf gelegt, in der Finanz- und Wirtschaftskrise einen breiten gesellschaftlichen Konsens für ihre Entscheidungen herzustellen. Merkel hat dieses Prinzip der Konfliktvorbeugung in die Koalition mit der FDP hinübergerettet. Auch gewachsener Respekt vor Meinungsvielfalt spielte eine Rolle. Als die Spekulationsblasen an den Finanzmärkten platzten, erinnerten sich auch Politiker, die die Gewerkschaften lange Zeit nur für Bremser und Blockierer gehalten hatten, dass an deren Warnungen vor der Ideologie der unregulierten Märkte und des Staatsrückzugs einiges wahr war.

Zweitens haben sich IG Metall, IG BCE & Co. gerade in den schwierigen Jahren der Globalisierung und dann der Wirtschaftskrise tarifpolitisch als flexible Mitgestalter des Wandels erwiesen. Auch damit erarbeiteten sie sich Respekt.

Und drittens sind Personen auf die Bildfläche getreten, die all diese neuen Tendenzen repräsentieren und bündeln. Leute, die in ihrem Leben sowohl Industriebetriebe als auch eine Universität von innen gesehen haben. Die Schlüsselfigur ist Berthold Huber. Ein mitreißender Mai-Redner ist der IG-Metall-Chef nicht. Aber er hat die größte deutsche Gewerkschaft mit betriebsorientierten und beschäftigungssichernden Tarifabschlüssen zu einer Organisation des erfolgreichen Krisenmanagements gemacht. Zudem hat der 60-Jährige mit seiner nachdenklichen und sachorientierten Art so gute Beziehungen zu Wirtschaftsführern und in die Bundesregierung aufgebaut, dass er nur zweieinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt einer der einflussreichsten Gewerkschafter der vergangenen Jahrzehnte ist.

Abwrackprämie, Kurzarbeit, Konjunkturpakete – ganz wesentliche Maßnahmen der Bundesregierung zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes in der Wirtschaftskrise gehen nicht zuletzt auf Initiativen des IG-Metall-Chefs in direkten Gesprächen mit der Kanzlerin zurück. Auch die Arbeitsmarktzahlen im April deuten darauf hin, dass das Krisenkuscheln zwischen Politik, Industrie und Gewerkschaften bislang zum Wohle des Landes funktioniert. Andere Staaten, in denen Gewerkschafter Firmenbosse als Geiseln nehmen, präsentieren jedenfalls schlechtere Arbeitsmarktdaten.

Die neue Macht ist unsicher

Trotzdem sehen in den DGB-Gewerkschaften nicht nur notorische Skeptiker die neue Nähe zur Macht mit gemischten Gefühlen. Von „Krisen-Korporatismus“ ist die Rede, mithin von einem Bündnis auf Zeit, das für Politik und Wirtschaft aufkündbar ist, solange die Gewerkschaften nicht eine starke eigene Machtbasis haben. Da hat sich seit dem erfolglosen Aufbegehren gegen die Agenda 2010 vor sieben Jahren nicht viel verbessert. Die Mitgliederzahlen gehen immer noch zurück, in neuen Dienstleistungsbranchen haben die Gewerkschaften bislang ebenso wenig Fuß gefasst wie unter hoch qualifizierten Angestellten.

So bleibt die neue Macht unsicher. Und sie reicht längst nicht so weit, dass alle Wünsche wahr werden, die auf den Maikundgebungen aus den Lautsprechern dröhnen. Auch Huber will nicht nur in informellen Runden im Kanzleramt Einfluss nehmen. Sein Ziel ist die Ausweitung der Mitbestimmung, um mit einer „demokratischeren Wirtschaftsordnung“ neuen Marktexzessen vorzubeugen.

Das wird er nicht erreichen. Und doch täte die Politik gut daran, die Gewerkschaften nicht nur dann hoch zu achten, wenn sie einen Partner braucht, der den Arbeitnehmern das Schultern von Krisenlasten vermittelt.

28.04.2010
Meinung Albrecht Scheuermann zur Hilfe für Griechenland - Das kleinere Übel
27.04.2010
Meinung Ulrich Neufert zu Aygül Özkan - Seifenoper
27.04.2010
Anzeige