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Meinung Lars Ruzic über die Tarife
Nachrichten Meinung Lars Ruzic über die Tarife
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21:28 24.01.2013
Von Lars Ruzic
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Und das ist beileibe nicht wenig: In zwei von drei EU-Ländern sind die Reallöhne derzeit auf Talfahrt. Mehrere Krisenländer am Mittelmeer ermöglichen den Unternehmen inzwischen massenhafte Tarifflucht.

Sie gehorchen der Not: Schließlich hat ihnen die Troika aus EU, Zentralbank und Währungsfonds eine Liberalisierung der Arbeitsmärkte auferlegt. Zu viele Betriebe stecken zudem inzwischen im Überlebenskampf, sodass ihnen gar nichts anderes übrigb leibt, als Löhne zu kürzen. Es droht das Ende des Tarifgefüges ähnlich wie einst in Großbritannien. Dort arbeitet heute nur noch jeder Dritte unter dem Schutz eines Tarifvertrages - wettbewerbsfähiger ist das Land dadurch auch nicht geworden.

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Eine Insel mitten in Europa?

Angesichts solch gewaltiger Umwälzungen in vielen Ländern Europas mag mancher Deutschland als Insel der Seligen empfinden. Die Wirtschaft stockt derzeit zwar - doch sogar die Arbeitgeber sprechen nur von einer „Wachstumspause“. Die meisten Auguren rechnen spätestens in der zweiten Jahreshälfte wieder mit einem Aufschwung. Gerade der Industrie scheint es bislang recht gut zu gelingen, Einbrüche in Europa durch wachsendes Geschäft in Übersee mehr als aufzufangen. Die börsennotierten Konzerne legen in diesen Wochen - von Ausnahmen abgesehen - ansehnliche Bilanzen für 2012 vor, Dividenden und Vorstandssaläre dürften vielerorts steigen.

Hinzu kommt, dass Deutschland ausgerechnet in den Jahren, in denen die europäischen Nachbarn kräftig hingelangt hatten, Reallohnverluste hinnehmen musste. Im letzten Jahr blieb für die Tarifbeschäftigten über alle Branchen immerhin unterm Strich ein reales Plus von 0,7 Prozent. Aber bei den Gewerkschaften herrscht die Stimmung vor, dass das noch nicht alles sein kann. Entsprechend selbstbewusst gehen sie in die Verhandlungen.

Die gut 6,5 Prozent mehr, die sich die Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder, bei der Bahn, in der Energiewirtschaft und im Bauhauptgewerbe wünschen, liegen keinen Deut unter den Forderungen des vergangenen Jahres. Diese Branchen gehen als erste in die Verhandlungen und legen damit auch die Messlatte für andere: Über die Löhne von fast 14Millionen Beschäftigten wird in diesem Jahr zu reden sein.

Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Verhandlungen ist enorm. Gewerkschaften und gewerkschaftsnahe Ökonomen fordern bereits hohe Abschlüsse, damit die Binnenwirtschaft angekurbelt wird. Sie gehen sogar noch weiter: Deutschland müsse Europa helfen, indem die Menschen hierzulande spürbar mehr Geld für den Konsum zur Verfügung haben, lautet ein Argument. Peter Bofinger, einer der Fünf Weisen, forderte unlängst zusätzlich zum durch den Produktivitätszuwachs gerechtfertigten Lohnplus sogar noch einen zweiprozentigen Zuschlag für die Euro-Rettung.

Es geht nicht um Feta und Reisen

Dieses sogenannte Kaufkraftargument gehört zum Standardrepertoire der Gewerkschaften. Durch ständiges Wiederholen wird es nicht richtiger, ätzte unlängst Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt - und hat recht damit. Es ist überhaupt nicht ausgemacht, dass ein Bundesbürger seine Lohnsteigerungen sofort in Einkäufe umsetzt. Und selbst wenn: Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass er sein Geld in Textilien aus Bangladesch, Handys aus China oder in die Erneuerung seines Badezimmers mit dem Handwerker um die Ecke steckt, als dass er einen extralangen Solidaritätsurlaub in Spanien einlegt oder seinen Feta-Konsum ankurbelt. Mit deutschen Tarifverhandlungen lässt sich nicht mal eben kurz die Welt retten.

Ohnehin haben die Gewerkschaften es gar nicht mehr nötig, das Kaufkraftargument zu strapazieren. In der Metall- und Elektroindustrie dürften die Verhandlungen diesmal aus Arbeitnehmersicht zur rechten Zeit stattfinden - denn ausgerechnet von Mai an, wenn die Konjunktur wieder richtig anziehen könnte, sind Warnstreiks möglich. Und selbst im öffentlichen Dienst, wo sich kaum mit Produktivitätsfortschritten rechnen lässt, verbessert sich langsam die Position der Gewerkschaft. Der demografische Wandel wird es den Behörden in den nächsten Jahren immer schwerer machen, an neue Leute zu kommen - wenn sie nicht wenigstens ansatzweise mit den Löhnen in der Wirtschaft mithalten können.

Alexander Dahl 23.01.2013
23.01.2013