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Meinung Wer bricht das Eis?
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20:17 24.10.2014
Von Saskia Döhner
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Klassenfahrten machen Spaß. Mögen sie auch schlafraubend sein, ihr pädagogischer Nutzen ist unumstritten. Die Reisen stärken das Gemeinschaftsgefühl, Schüler und Lehrer lernen sich von einer privaten Seite kennen - und merken plötzlich, dass der andere ungeahnte Qualitäten hat. Da ist der ansonsten strenge Deutschlehrer, der aus Stöcken fantasievolle Figuren schnitzen kann. Da ist die etwas spröde Physiklehrerin, die beim Diskoabend in der Jugendherberge plötzlich aus sich herausgeht. Die stille Schülerin, die beim Wandern zäh ist wie keine andere, oder der künstlerisch unbegabte Junge, der im Freibad allen davonschwimmt.

Um so unverständlicher ist es, dass an fast allen Gymnasien der Region die Fahrten in diesem Schuljahr ausfallen. Die Lehrer wollen es so. Sie protestieren damit gegen die Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung von 23,5 auf 24,5 Stunden - während die Pädagogen an anderen Schulformen noch weit öfter vor den Klassen stehen. Die Spielarten des Boykotts sind vielfältig. Manche Schulen streichen nur die Eingangsfahrten für die Fünftklässler, die anderen die Abschlussfahrten für den zehnten Jahrgang oder die Abiturienten. Manche Schulen verzichten komplett auf alle Fahrten, andere machen zumindest die Austauschreisen, damit die Partnerschaft mit der Schule in Frankreich oder England nicht zum Erliegen kommt. Und bindend für alle Lehrer ist der Boykottbeschluss der Personalräte ohnehin nicht. So wie kein Lehrer verpflichtet werden kann, eine Klassenfahrt zu machen, weil es eine freiwillige Leistung ist.

Wer eine Klassenfahrt streicht, beraubt sich eines Gruppenerlebnisses, von dem er im Unterricht möglicherweise anschließend lange zehren könnte. Schlimmer noch, er nimmt auch den Kindern diese Chance. Taugt so ein Schritt wirklich als politisches Druckmittel?

Die Leidtragenden sind die Schüler. Offenbar haben Regierungspolitiker wie Lehrer bewusst einkalkuliert, dass der Leidensdruck bei Schülern und Eltern so hoch werden würde, dass man mit ihrer Hilfe die Gegenseite schon zum Einknicken bewegen würde. Aber ein Jahr nach der Entscheidung, die Unterrichtsverpflichtung an den Gymnasien zu erhöhen und die Altersermäßigung für Pädagogen ab 55 erstmal auszusetzen, steht man sich unversöhnlicher denn je gegenüber. Das Verhältnis der Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) zu den Lehrerverbänden könnte kaum kühler sein: Der Philologenverband klagt vor dem Staatsgerichtshof gegen die Mehrarbeit, die GEW erwägt sogar den Beamtenstreik. Schüler wollen sich jetzt wehren, indem sie ihrerseits freiwillige Leistungen wie das Tafelwischen einstellen. Eine hilflose Geste, die zeigt, wie tief der Frust sitzt.

An der Elsa-Brändström-Schule in der Südstadt dürfen Eltern jetzt Kinder auf mehrtägige Ausflüge begleiten. Das Gymnasium war die erste Schule im Land gewesen, die die Streichung der Klassenfahrten verkündet hatte. Hut ab vor dem Engagement der Eltern, die diese Ausnahmeregel hart erkämpft haben. Monatelang hatte das Land die Entscheidung ausgesessen, erst als sich Ministerpräsident Stephan Weil einmischte, kam Bewegung in die Sache. Doch ein Ersatz für Klassenfahrten sind diese Elternfahrten nicht, zumal die Haftungs- und Versicherungsfragen kompliziert sind.

Land und Lehrer müssen ihre Blockadehaltung endlich aufgeben. Eine intelligente Arbeitszeiterhebung, Entlastung etwa durch die Erhöhung der Anrechnungsstunden für spezielle Aufgaben wären ein Anfang. Auch die komplette Übernahme der Reisekosten - bislang erhält ein Lehrer maximal 16 Euro pro Übernachtung erstattet - zählt dazu. Die Lehrer sollten sich, vielleicht mit einem Seitenblick auf die Lokführer, darauf besinnen, dass Streit um seiner selbst willen niemandem hilft. Es kann jetzt nur noch um Kompromisse gehen. Der Kinder wegen.

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