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Meinung Angriff auf das kulturelle Gedächtnis
Nachrichten Meinung Angriff auf das kulturelle Gedächtnis
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00:15 11.03.2015
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Ihren mächtigen Mauern hat es die Festungsstadt Hatra zu verdanken, dass selbst die römischen Legionen unter Kaiser Trajan sie nicht erobern konnten. Unzählige Tempel und Denkmäler in dieser Stadt des heutigen Iraks kündeten von der stolzen, zweitausendjährigen Geschichte Hatras, das zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. An diesem Wochenende aber wurde Hatra von den Terroristen des „Islamischen Staates“ mit gnaden- und bedenkenloser Zerstörungskraft zermalmt.

Mit Bulldozern sollen die Fanatiker die antiken Ruinen der Stadt eingerissen und dem Boden gleich gemacht haben. Beobachter schilderten, wie Museen systematisch geplündert wurden. Wertvolle Artefakte und Statuen seien auf die Ladeflächen von Lastwagen geworfen und abtransportiert worden. Die Spur der hasserfüllten Kämpfer zieht sich wie ein Band des Schreckens durch die Zivilisation des früheren Mesopotamiens: Mit Presslufthämmern zertrümmerten Milizen die Statuen im Museum von Mossul, in der Bibliothek der Tigris-Metropole verbrannten sie Tausende Bücher und seltene Handschriften. In Nimrud planierten sie die Ausgrabungsstätten der Jahrtausende alten assyrischen Stadt mit schweren Baumaschinen. Die Doppelstrategie der selbsternannten Gotteskrieger wird immer deutlicher: Was sich auf dem sprunghaft gestiegenen Schwarzmarkt für Altertümer versilbern lässt, wird außer Landes geschafft. Den Rest zerstören die Kämpfer mit provozierender Akribie.

Ist es wirklich so, dass sich die IS-Kämpfer nur auf die angebliche Weisung ihres Propheten Mohammed berufen, dass Gläubige keine Götterbilder anbeten und keine Heiligengräber verehren sollen? Oder empfinden die Männer eine fast schon perverse Lust an der Zerstörung der Kulturgüter? Seit März 2001, als Taliban-Kämpfer die riesigen Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan sprengten, muss der Westen immer wieder ohnmächtig verfolgen, wie Extremisten versuchen, die Spuren großer Zivilisationen auszulöschen.

Es gibt Stimmen, die vor einer zu starken Dramatisierung warnen. Angesichts Zehntausender Toter seien verbrannte Bücher eine Lappalie. Und überhaupt: Wer kannte das Museum in Mossul denn schon vor der Zerstörung? Aber diese Argumentation greift deutlich zu kurz. Die Zerstörung droht zur Vernichtung des kulturellen Gedächtnisses des gesamten Iraks auszuufern. Zu Recht hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Vernichtung historischer Stätten als Kriegsverbrechen und Angriff auf die Menschlichkeit verurteilt.

Es ist ein kleiner Trost, dass es irakischen Truppen jetzt mit Unterstützung von US-Kampflugzeugen gelungen ist, die Stadt Al-Baghdadi zurückzuerobern. Doch bis zu einem Sieg über die IS, da sind sich Experten einig, kann es noch lange Zeit dauern. Zeit, in denen die Barbarei im Namen der Religion weiter wüten kann.

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