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Meinung Kommentar: "Wir dürfen uns fürchten."
Nachrichten Meinung Kommentar: "Wir dürfen uns fürchten."
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22:15 18.11.2015
Von Felix Harbart
Quelle: dpa
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Am Dienstagabend ging vom Londoner Wembleystadion ein deutliches Zeichen aus. 80 000 auf den Rängen schmetterten die Marseillaise, so gut sie es vermochten, und unten spielten 22 Männer aus England und Frankreich Fußball, obwohl ihnen sicher nicht danach war. Wer das im Fernsehen sah, dem gab es nach all den schrecklichen Eindrücken der vergangenen Tage ein gutes Gefühl. Eine Mischung aus Rührung und Trotz und Stolz auf die Nachbarn diesseits und jenseits des Ärmelkanals. Nachbarn, die uns so viel näher sind, als wir oft meinen, wenn wir sonst gegen sie Fußball spielen. Ein ähnliches Symbol sollte auch vom Spiel zwischen Deutschland und den Niederlanden ausgehen. Doch daraus wurde nichts.

Seit den Anschlägen von Paris ist viel die Rede gewesen von Zeichen, die man setzen müsse, und vieles davon war richtig. Gleichzeitig sind die westlichen Mediendemokratien aber auch ein bisschen weit hinausgetragen worden von ihren verständlichen Emotionen. So weit, dass sie Fußballspiele zu Fanalen der Demokratie ausriefen. Als ließe sich aus der Welt kicken, was uns bedrückt. Und als ließen sich islamistische Terroristen davon im Mindesten beeindrucken. Symbole wie die von Wembley wirken indes vor allem nach innen. Dagegen ist auch nichts zu sagen.

Allerdings ging der Überschwang der Gefühle zuletzt so weit, dass beinahe ein schlechtes Gewissen bekommen musste, wer sich nach dem Terror-Freitag von Paris gegen einen Besuch des Länderspiels in Hannover entschied. An diesem Punkt jedoch müssen wir uns seit Paris, spätestens aber seit Dienstagabend in Hannover an einen Gedanken gewöhnen: Ein Terroranschlag ist nichts mehr, das uns völlig überraschend treffen kann. Wer in diesen weltpolitischen Zeiten auch in Hannover in ein Fußballstadion, auf ein Konzert oder auf einen Weihnachtsmarkt geht, tut das in dem Bewusstsein, dass er dort zum Opfer eines Anschlags werden kann – auch, wenn die Wahrscheinlichkeit im Promillebereich liegt. Er trifft eine bewusste Entscheidung. Und die kann und darf auch gegen einen Besuch ausfallen. Wir dürfen uns auch mal fürchten. Und wenn es eine Gefahr gibt, wie am Dienstag in Hannover, dann ist es richtig, vorsichtig zu sein. Daran wird unsere Demokratie nicht zugrunde gehen.

Es ist nämlich trotz allem wahr, dass der Terror gegen freie Gesellschaften wie die in Deutschland oder Frankreich nicht gewinnen kann. Wir müssen unsere Freiheit nicht demonstrieren, indem wir zu einem gefährdeten Fußballspiel gehen oder es auf Teufel komm raus austragen. Wir demonstrieren sie jeden Tag. Durch Meinungsfreiheit, Demokratie und die Art und Weise, wie wir miteinander und mit Fremden umgehen. Durch unsere Liebe zu den schönen Dingen des Lebens, zu Kunst, Literatur, Sport und wenn es sein muss zu einer Band, die Eagles of Death Metal heißt. Durch das Fundament der Menschenrechte, auf denen unsere Gesellschaft steht. Dieses Fundament ist fest. Zu fest für den Terror.

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