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Meinung Margit Kautenburger zur Rohstoffsuche
Nachrichten Meinung Margit Kautenburger zur Rohstoffsuche
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21:17 29.03.2012
Von Margit Kautenburger
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London

Weil die Lagerstätte unter extrem hohem Druck steht, kann es Monate dauern, das Leck zu stopfen. Da werden böse Erinnerungen an das Öldesaster vor zwei Jahren im Golf von Mexiko wach. Zwar ist diesmal keine Umweltkatastrophe dieses Ausmaßes zu befürchten, doch die Bohrinsel gleicht einer Zeitbombe. Weil weiter Gas abgefackelt wird, kann sie jederzeit explodieren – und neue Lecks verursachen.

Vorstoß zu den letzten Reserven

Die Branche, das zeigt das Unglück in der Nordsee, scheut bei der Jagd nach Rohstoffen kein Wagnis. Bis in die Tiefsee und ins Eismeer stoßen die Unternehmen vor. Sie beuten in Kanada Teersande aus und hinterlassen dabei verseuchte Mondlandschaften. Sie überziehen die USA und wohl bald auch Europa mit Fracking-Bohrungen, bei denen ein Chemikaliencocktail tief ins Gestein gepresst und das Grundwasser gefährdet wird. Sogar die Kanarischen Inseln, deren Überleben vom Tourismus abhängt, haben die Firmen im Visier. Versprochen wird den Regionen enormer Reichtum.Dass aber die Risiken kaum beherrschbar sind, davon sprechen die Konzerne lieber nicht.

Eigentlich wollen die Staaten Europas ja weg von den fossilen Rohstoffen. Doch Öl ist der Schmierstoff der Wirtschaft, und das recht umweltschonende Erdgas wird gerade in der Energiewende immer gefragter. Und so werden die letzten Reserven angezapft – um beinahe jeden Preis. Die Bohrungen, versichern die Konzerne, seien sicher, die Technik habe man im Griff. Wenn aber doch etwas passiert, reagieren sie mit den üblichen Stereotypen. Der französische Konzern Total gibt sich gar nicht erst die Mühe, ein grünes Gewissen an den Tag zu legen. Die Gefahr wird einfach kleingeredet.

Total hat das größte Hochdruckgasfeld der Welt angezapft, offenbar ohne Rüstzeug für den Notfall. Stattdessen herrscht das Prinzip Hoffnung. Die noch brennende Gasfackel über der Bohrinsel werde wohl von allein erlöschen, heißt es. Der Wind werde dafür sorgen, dass das aus dem Bohrloch ausströmende Gas nicht mit der Flamme in Berührung kommt. Bislang spielte das Glück mit. Der große Knall ist ausgeblieben. Notfallplanung aber stellt man sich anders vor. Nicht abschätzen kann Total angeblich überdies, wie viel Gas noch in der Lagerstätte steckt, wie lange also das aggressive Treibhausgas Methan noch die Luft verpesten wird. Einen Klimaeffekt schließen die Verantwortlichen vorschnell aus. Kein Wunder: Zugerechnet werden die Treibhausgasemissionen Großbritannien und nicht dem Unternehmen. Vertrauenserweckend ist das alles nicht. Wissenschaftler und auch die Gewerkschaft der Offshore-Arbeiter halten die Lage für brandgefährlich.

Was aber folgt aus dieser Lage? Hundertprozentige Sicherheit gibt es bei keiner Technik. Sollen wir künftig auf Öl- und Gasbohrungen verzichten? Wir alle wollen es im Winter warm haben, wir wollen Auto fahren und brauchen chemische Produkte. Dennoch ist es vernünftig, dass die Diskussion um die Sicherheit der Bohrungen neu entflammt.

Die Technik ist nicht beherrschbar

Der Standard der Plattformen in der Nordsee gilt als hoch. Doch ist er durchgehend hoch genug? Die meisten Unternehmen sind vermutlich selbst daran interessiert, die Umweltauswirkungen der Förderung gering zu halten. Doch es gibt schwarze Schafe. Und es gehört auch zur Wahrheit, dass die Konzerne mit dem spitzen Bleistift rechnen: Jede Investition in Sicherheitstechnik schmälert den Profit. Daher muss es bessere, unbestechliche Kontrollen geben. Den nationalen Regierungen, die für die Überprüfung zuständig sind, winken prächtige Förderabgaben. Sie sind daher geneigt, schon mal ein Auge zuzudrücken.

Nach der Katastrophe im Golf von Mexiko sollte vieles anders werden. Die Vorbereitung auf den Notfall sollte verbessert, die Haftungsregeln verschärft und zumindest europaweit geltende Sicherheitsstandards eingeführt werden. Es ist an der Zeit zu fragen, was daraus geworden ist.
EU-Energiekommissar Günther Oettinger beteuert, dass entsprechende Gesetze auf dem Weg sind. Vielleicht beschleunigt der „Elgin“-Unfall deren Verabschiedung. Das alles aber kann schwere Unglücke nicht verhindern, bestenfalls die Folgen mildern. Das sollten Regierungen immer im Hinterkopf behalten, wenn sie Konzessionen für Bohrungen in sensiblen Gebieten erteilen.

Jörg Kallmeyer 01.04.2012
Dirk Stelzl 29.03.2012
Lars Ruzic 28.03.2012