Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Michael B. Berger zum Kirchentag
Nachrichten Meinung Michael B. Berger zum Kirchentag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:00 01.05.2013
Anzeige

Da mag sich mancher gefragt haben, wie viel er von der wundersamen Speise abbekomme. „So viel du brauchst“, empfahl Religionsvater Moses. Nicht alle seiner Landsleute hielten sich daran.

Denn Maßhalten ist schwer, gerade auch mit Manna, das vom Himmel fällt. Es setzt die Fähigkeit zum Maßnehmen voraus, möglicherweise auch die Bereitschaft zum Verzicht. In jedem Fall so etwas wie eine innere Disziplin. „So viel du brauchst“ ist ein anspruchsvoller Satz.

Event, Event!

Und doch ist er das Leitwort des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags, der gestern mit mächtigem Schiffsgetute und einer riesigen Party rund um den Hamburger Hafen eröffnet worden ist. Es wird, so viel ist sicher, auf unzähligen Podien auch über Verzicht, eine gerechte Weltwirtschaft oder über Steuerehrlichkeit und den neuen Paradesünder Uli Hoeneß diskutiert werden.

Der Kirchentag reicht Appetithäppchen für den Geist und Stimmungsvolles für die Seele. Doch zumindest von den äußeren Dimensionen her konterkariert dieses Schaulaufen des Protestantismus die eigene Losung: Es bietet in fünf Tagen 2500 Veranstaltungen mit mehr als 100000 Dauerteilnehmenden und zählt damit zu den größten Events der Republik.

Die nicht nachlassende Attraktion des Kirchentages, der zum dritten Mal in der Hansestadt gastiert, kommt nicht von ungefähr. Es wird kulturell, spirituell und intellektuell so ziemlich alles geboten, was auf dem Markt ist. Von den wunderbaren Wise Guys bis zur Russendisko. Natürlich auch etliche Diskussionen, Meditationen, Bibelarbeiten - mit Prominenten von Margot Käßmann bis hin zu Frank-Walter Steinmeier. Auch Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel haben sich angesagt auf dieser riesigen Jugendmesse, die auch für jung gebliebene Ältere attraktiv ist.

Die gastgebende Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs hat allerdings dem Eindruck widersprochen, der Hamburger Kirchentag gleiche einem „Event-Overkill“. In einer Laienbewegung sei das Interesse an vielfältigen Veranstaltungen nun einmal groß, und die Fülle der Veranstaltungen entspreche schlicht dem Wunsch zu differenzieren. Der Kirchentag biete in einer Gesellschaft, die zunehmend Spaltungen verursache und polarisiere, eine versöhnende Vielfalt, meint die Bischöfin.

Tatsächlich ist die Gesellschaft so vielfältig wie der Kirchentag, der früher einmal selbst die Polarisierung der Gesellschaft widergespiegelt hat. Etwa, als die Friedensbewegung hier ihre Hochzeit feierte. In Hamburg wurde 1981 Hans Apel, der Verteidigungsminister des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, auf dem Kirchentag von radikalen Pazifisten mit Blutbeuteln beworfen. Der Hamburger Apel, ein erztraditioneller Protestant, hat sich von dem Schock, auf eigenem Terrain besudelt zu werden, nie richtig erholt.

Zwei Jahre später gab die Friedensbewegung mit lila Tüchern auf dem Kirchentag in Hannover quasi ihre Abschiedsvorstellung. Nach Beginn der Kohl-Ära wurden die Kirchentage unpolitischer - und sind es bis heute geblieben. Wie der Protestantismus insgesamt, von dem seit Margot Käßmanns Einspruch zum Afghanistan-Krieg auch keine großen politischen Impulse mehr ausgehen, sondern eher Arbeit am Detail geleistet wird.

Die Masse macht’s

Aber dies sollte auch keiner beklagen. Denn die Kirche ist in einer politisch immer komplizierter werdenden Welt nicht dazu da, wohlfeile Ratschläge zu erteilen. Sie tut gut daran, Widersprüche im eigenen Feld zu klären, etwa ihre eigene Rolle als Arbeitgeberin.

Und sie muss eine Strategie entwerfen, um dem riesigen Traditionsabriss zu begegnen, der sich in vielen ehemals christlichen Familien ereignet. Neue Studien belegen, dass das Interesse für Religion unter Jugendlichen gleich null ist. Dem ist mit schlecht gemachten Familiengottesdiensten, die zur Tristesse des alltäglichen Protestantismus längst quälend beitragen, nicht beizukommen.

Wie gut, dass es da alle zwei Jahre den Deutschen Evangelischen Kirchentag gibt. Eine der wenigen wirklich absolut professionellen Veranstaltungen, bei denen es schlicht die Masse macht. Sogar, wenn kein Manna vom Himmel fällt.

Stefan Winter 29.04.2013
Jörg Kallmeyer 29.04.2013