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Meinung Missbrauch in der katholischen Kirche – warum immer wieder?
Nachrichten Meinung Missbrauch in der katholischen Kirche – warum immer wieder?
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17:24 25.09.2018
Missbrauch in der katholischen Kirche.
Missbrauch in der katholischen Kirche. Quelle: Felix Kästle/dpa
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Hannover

Kaum ein Satz ist bei Krisenpressekonferenzen der katholischen Kirche so häufig gesagt worden wie jener von der Spitze des Eisbergs. Der Satz fiel auch gestern, als die Deutsche Bischofskonferenz erstaunliche Zahlen zum jahrzehntelangen Missbrauch hinter ihren Mauern erläuterte. Mindestens 3677 Minderjährige, zumeist Ministranten, seien in der Nachkriegszeit missbraucht worden. Von der „Spitze eines Eisbergs“ hatte vor acht Jahren auch der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs gesprochen, Jesuitenpater Klaus Mertes, als er von den Untaten an seiner Internatsschule berichtete. 115 Missbrauchsfälle in zwei Jahrzehnten, begangen von zwölf Patres. Wer geglaubt hatte, die Verbrechen in der katholischen Kirche seien mit strengeren Regeln, Präventionsräten und besserer Personalschulung ausgestanden, sieht sich wieder mal im Irrtum. „Männer Gottes haben das Böse in die Welt gebracht“, sagt dazu der neue Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Und nun?

Strukturen der Vertuschung

Erschreckend ist, dass die Frage nach dem Warum noch immer nicht aus der Welt ist. Sicher, die Tabuisierung der Sexualität wie die Überhöhung des Priestertums bei gleichzeitigem Zwang zur Ehelosigkeit können eine Belastung für jeden darstellen, der als „Mann Gottes“ den Menschen von einer angeblich besseren Welt berichten will. Doch wird die Abschaffung des Zölibats, von der die römische Kirche in diesen Tagen wesentlich weiter entfernt ist als noch vor gut fünfzig Jahren, nicht zur gänzlichen Ausmerzung dieser schändlichen Verbrechen führen. Viel beklemmender sind die Vertuschungsstrukturen, die die Forscher beklagt haben. Nur durch sie konnte etwa einer der Haupttäter im Berliner Canisius-Kolleg als Lehrer und Pfarrer im Bistum Hildesheim weiterarbeiten – auch weil Bischöfe meinten, man könne solche Täter resozialisieren, sie durch Weiterarbeit zum Guten erziehen. Dafür indes musste das Vorleben der Täter vertuscht werden. Ein Teufelskreis.

Es ist kein Trost zu wissen, dass auch in Schulen, Sportvereinen, Internaten oder auf Konfirmandenfreizeiten Schutzbefohlene missbraucht werden können. Immerhin macht die katholische Kirche den Versuch, „das Böse“ in ihren Reihen einzudämmen. Deshalb hat die Bischofskonferenz diese Untersuchung in Auftrag gegeben, für die aber längst nicht alle Bistümer ihre Archive öffneten. Bei dem Versuch der Therapie machen die Bischöfe aber immer wieder den Fehler, die Vergehen selbst reparieren zu wollen. So als wäre die Kirche ein Staat im Staate. So als würden für Kleriker andere Gesetze gelten. Das ist grundfalsch. Und führt nur noch tiefer in einen Sumpf falsch verstandener Fürsorge. „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil“, heißt der Satz eines Kirchenvaters, der zum Dogma erhoben wurde. Eine grenzenlose Verkennung der Realität.

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