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Meinung Der lächelnde Lehrer
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21:35 06.12.2013
Von Susanne Iden
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 Nelson Mandela ist reiner Zufall. Die Laune einer Lehrerin in einer Missionsschule, eine Verbeugung vor den britischen Kolonialisten, die sich schwertaten mit afrikanischen Namen. Nelson Mandela ist in Wirklichkeit Rolihlahla Mandela. So haben seine Eltern den Jungen genannt, der im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs in einer südafrikanischen Hütte geboren wurde. Was sie in ihm gesehen haben? Es ist nirgendwo festgehalten. Aber im Rückblick scheint die Namensgebung prophetisch. Rolihlahla heißt in Mandelas Muttersprache Xhosa „der am Ast eines Baumes zieht“. In einem Wort: der Unruhestifter.

Genau das ist dieser Mann zeit seines Lebens gewesen, ein Unruhestifter. Der junge Mandela hat seinem königlichen Onkel den Gehorsam verweigert und ist vor einer arrangierten Ehe ausgerissen, ein paar geklaute Rinder im Schlepptau. Er hat in Johannesburg Proteststürme ausgelöst, als er die erste schwarze Anwaltskanzlei eröffnete. Er ist Anführer einer Guerillaarmee gewesen, bekennender Saboteur, der als „Vaterlandsverräter“ 27 Jahre im Gefängnis saß.

„Gigant der Gerechtigkeit“

Er ist der Held von Freiheitskämpfern in aller Welt. Er ist der Mann, der die Ketten der Apartheid zerschlagen und aus einem Unterdrückerstaat eine Demokratie gemacht hat. Er hat entrechtete Schwarze und selbstgerechte Weiße im Zeichen des Regenbogens zu einer Nation zusammengeführt. Er ist der Mann, der keine Ruhe gab. Bis endlich Frieden war.

Als „Ikone des Jahrhunderts“ wird Südafrikas erster schwarzer Präsident nun beweint, als „Gigant der Gerechtigkeit“ gepriesen. Sehr große Worte zum Tode eines sehr großen Mannes. Aber Nelson Mandela war weder ein Genie noch ein Heiliger. Er war etwas noch viel Wertvolleres: ein Lehrer.

Freiheitskämpfer, Versöhner, Friedensstifter, Stimme und Gewissen Afrikas - Nelson Mandela, Friedensnobelpreisträger und erster schwarzer Präsident Südafrikas wird weltweit verehrt und geachtet. Jetzt ist er gestorben.

Mandela war ein Lehrer mit einem so altmodischen wie ewig gültigen Kanon. Er hat die Welt und menschliches Handeln eingeteilt in richtig und gut, böse und falsch: Richtig ist die Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind, auch vor dem Gesetz – böse ist die Entmenschlichung durch Rassenhass. Gut sind Standfestigkeit und Geduld – falsch sind Stillhalten und Aufgeben. Richtig ist die Bewahrung der eigenen Würde auch im Moment größter Erniedrigung – falsch ist es, auf andere herabzublicken. Gut ist Gerechtigkeit – böse ist Rache. Und nichts geht ohne eine gewisse Bescheidenheit – und Humor, würde Mandela selbst mit einem alle umfassenden Lächeln anmerken.

Klingt zu gut, um wahr zu sein?

Die Zeit bringt es mit sich, dass die Welt vor allem den abgeklärten, weisen Mandela wahrnimmt, den über allem schwebenden moralischen Übermenschen. Es wird ihm nicht gerecht. Es wird der ungeheuren Brutalität seiner jungen Jahre nicht gerecht. Das Apartheidssystem hat den größten Teil seines Lebens wie das von Millionen anderen Schwarzen in Südafrika aufgefressen.

Er hat ganz Südafrika befreit

Zehntausende friedliche Demonstranten, die nichts weiter wollten als volle Bürgerrechte im eigenen Land, wurden gefoltert und ermordet. Was blieb im Angesicht der Tyrannei, war Widerstand mit Gewalt. Auch für Mandela. „Ich leugne nicht, dass ich Sabotage geplant habe“, sagte er bei seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft im Juni 1964. Er war ein Mann voll glühenden Zorns.

In seiner Heimat galt er fortan als Terrorist. In London, Washington und Bonn auch. Als Bollwerk gegen Moskaus Einfluss in Afrika stellte Südafrika sich dar – da kam es auf ein paar eingekerkerte, kommunistisch angehauchte Schwarze, die Versklavung des größten Teils der Bevölkerung, nicht an.

Die Regierung Kohl hat sich bis weit in die achtziger Jahre geweigert, Sanktionen gegen das Apartheidsregime zu verhängen. 1995 dann, vier Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und im zweiten Amtsjahr Mandelas als Präsident, ließ sich Helmut Kohl stolz beim Staatsbesuch am Kap mit dem inzwischen salonfähigen Freiheitshelden ablichten.

Nelson Mandela hat ihn freundlich empfangen. Denn von all seinen Lehren ist diese sein Vermächtnis: Es ist nie zu spät, seine Meinung zu ändern. Und dem, der Unrecht getan hat – und sei es nur durch Nichtstun – zu vergeben. Mit diesem Glaubenssatz hat dieser einzigartige Mann nicht nur sich selbst von Bitternis gelöst. Er hat ganz Südafrika befreit. Mehr kann ein Lehrer nicht tun, als der nachfolgenden Generation einen Weg zu zeigen. Ob sie ihn geht, ist ihre Entscheidung.

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