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09:12 07.08.2010
Von Heinrich Thies
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Ein Jahr nach dem schockierenden Ereignis auf dem S-Bahnhof München-Solln erscheint der Tod des 50-Jährigen in einem etwas anderen Licht. Das Heldengemälde hat Risse offenbart: Bei dem Prozess gegen die beiden jugendlichen Gewalttäter vor dem Münchener Landgericht hat sich gezeigt, dass Brunner nicht unmittelbar an den Schlägen und Tritten gestorben ist, sondern an Herzversagen – das allerdings ohne die Misshandlungen kaum ausgelöst worden wäre. Gewichtiger ist: Mehrere Zeugen beteuern, Brunner habe zuerst zugeschlagen. Der Münchener soll am Bahnsteig Markus S. mit der Faust ins Gesicht geboxt und damit die Eskalation des Konflikts womöglich selbst vorangetrieben haben.

Risse im Heldengemälde

Ohne Zweifel haben die Jugendlichen vorher vier jüngere Schüler angepöbelt, bedroht und zur Herausgabe von 15 Euro aufgefordert; Brunner hat sich dazwischengestellt und die Schüler veranlasst, Anzeige zu erstatten. Wie es dazu kommen konnte, dass der als so besonnen und friedlich bekannte Geschäftsmann selbst zuschlug, ist bisher ungeklärt. Doch fest steht, dass die Darstellung der Staatsanwaltschaft München nach dem spektakulären Fall lückenhaft war. Denn unter anderem die Aussage des S-Bahn-Fahrers, die Aggression sei von Brunner ausgegangen, war schon im September 2009 bekannt.

Im Bericht der Staatsanwaltschaft war davon keine Rede. Solche Einlassungen passten offenbar nicht zu der Geschichte, wonach die beiden Jugendlichen, bekannt als Ausreißer, Schulversager und Drogenabhängige, ohne Vorwarnung auf den mutigen Manager eingeprügelt hatten. „Der Mord ist besonders tragisch, weil der Mann sich vorbildlich verhalten hat“, kommentierte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) damals. Und Staatsanwalt Laurent Lafleur ergänzte: „Das besonders Bestürzende an dem Fall ist, dass der Mann alles richtig gemacht hat.“ Am nächsten Tag schon forderte die bayerische Justizministerin Beate Merk auf einer Pressekonferenz längere Höchststrafen für Jugendliche. Vier Tage später waren Bundestagswahlen.

Im Rückblick drängt sich der Eindruck auf, dass der Tod Dominik Brunners instrumentalisiert worden ist. Politiker und Juristen haben ein Gewaltopfer zum Helden verklärt, um ihre harte Linie im Jugendstrafrecht zu untermauern und sich selbst ein bisschen zu feiern.

Dies rächt sich heute. In Internetforen wird Brunner bereits wie ein gefallener Engel zum Täter erklärt. Das ist ungerecht. Denn Brunner hat zwar vermutlich nicht alles richtig gemacht, aber gleichwohl ein hohes Maß an Zivilcourage bewiesen. Wenn er im Verlauf der Auseinandersetzung ausgerastet ist, gibt es dafür plausible Erklärungen, die im provokativen Auftreten der Jugendlichen begründet sind. Er hatte schließlich vier verängstigte Kinder hinter sich und zwei Gewalttäter vor sich.

Selbstgerechte Schläger

Kurz: Dominik Brunner bleibt ein Vorbild. Er hat nicht weggesehen, sondern ist bedrohten Schülern zu Hilfe gekommen und hat dabei das Risiko in Kauf genommen, selbst Schaden davonzutragen. Aber er war eben auch nur ein Mensch und nicht davor gefeit, in solch einer kitzligen Lage selbst Fehler zu begehen. Und wenn sein Herz auch vorher schon krank war – ohne die brutalen Schläge und Tritte wäre er heute noch am Leben.

Fatal ist bei alledem, dass der Zerfall des Heldenbildes die jugendlichen Gewalttäter wie Opfer erscheinen lässt und in ihrer selbstgerechten Schlägermentalität bestärkt. Markus S. träumt schon davon, ganz groß herauszukommen. Eine Journalistin wolle einen Film über ihn machen, hat er in einem Brief geschrieben. „Da fließen voll viele Gagen ein.“ Und seinen älteren, ebenfalls straffälligen Bruder, der ihn offenbar in die Drogenszene einführte, erhob er wie zum Hohn in einem selbst getexteten Rap gleich zum Helden: „Du bist ein Held, auch wenn’s von den Cops keinem gefällt …“

Der Hip-Hop-Song lässt erkennen, was von dem Ehrentitel zu halten ist. Schon Bertolt Brecht ließ seinen klugen Galilei verkünden: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Wohl wahr.

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