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Meinung Ökofinanzierung: Gier und Gewissen
Nachrichten Meinung Ökofinanzierung: Gier und Gewissen
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20:52 19.01.2014
Von Jens Heitmann
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Die Anleger durften wählen - zwischen auf Buchenholz geräuchertem Bachforellenfilet, Spargel-Cannelloni oder ausgelöster Keule vom Freilandgockel. Während sich Aktionäre selbst namhafter Dax-Konzerne mit Bockwürstchen und Bretzeln abspeisen lassen, hatte Solar Millennium bei seiner Hauptversammlung aufgeboten, was Gaumen und Geldbeutel gleichermaßen kitzelt: breites Büfett an bukolischen Bilanzzahlen. Wer in Solarkraftwerke investiert, so schien es, konnte Genuss mit einem guten Gefühl kombinieren. Anderthalb Jahre später war die Firma am Ende.

Bei der Pleite haben 30.000 Aktionäre und Anleihezeichner rund 200 Millionen Euro verbrannt - weil viele auch dann noch an das Gute in „ihrer“ Gesellschaft glauben wollten, als die Zweifel an deren Edelmut bei anderen immer größer wurden. Nicht besser erging es den Gläubigern des Offshore-Pioniers Windreich: Sie müssen um 125 Millionen Euro bangen, weil die Firma mit Windparks auf dem Meer ein viel zu großes Rad drehen wollte. Die drohende Pleite von Prokon würde das Desaster bei den Ökoinvestments noch einmal in eine andere Dimension befördern.

Das Phänomen an sich hingegen ist nicht neu: Wenn lange regulierte Märkte freigegeben werden, lockt das Geschäftsleute an. Mal mehr, mal weniger seriös, meist aber mit wenig Startkapital im Rücken suchen sie die Chance, sich schnell ein möglichst großes Stück aus dem Kuchen herauszulösen. Konkurrenz für die Platzhirsche ist ein Ziel jeder Liberalisierung, insofern spricht auch nichts gegen solche neuen Wettbewerber. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wer trägt deren Risiko?

Wenn Banken oder andere professionelle Kapitalgeber das ablehnen, oft aus gutem Grund, bleiben den Neustartern nur die Amateure. Um an das Geld von Privatleuten zu kommen, muss man sie entweder als Kunden oder als Sparer umwerben - im Idealfall springen sie auf beides an. Erstere sind schnell zu begeistern, sobald niedrige Preise locken. Letztere lechzen nach hohen Zinsen. Beide Anreize wirken: Das dahinterliegende Geschäftsmodell mag unverständlich bleiben - umso heller erstrahlt das vermeintliche Schnäppchen.

Die Energiehändler Teldafax und Flexstrom haben das exemplarisch vorgeführt: Wer dort sein Kontingent vorab bezahlte, bekam Strom und Gas weit unter dem Marktpreis. Durchhalten ließ sich dieser Discount, solange die Vorauszahlungen neuer Kunden die Defizite bei den alten übertrafen. Solche Schneeballsysteme können sehr groß werden, eines Tages aber setzt immer die Schmelze ein. Inzwischen haben hier die Staatsanwälte das Wort.

Ersparnisse von ein paar Cent je Kilowattstunde sind indes deutlich zu wenig, wenn man wie Solar Millennium, Windreich oder Prokon an das ganz große Geld will. Dazu braucht es eine „Story“. Die von Prokon geht so: Während e.on, RWE und Co. mit aller Macht die Energiewende behindern, treibt sie ein unkonventioneller Unternehmenschef aus Itzehoe entschlossen voran, der am liebsten barfuß über die Flure wandeln soll, die graumelierte Mähne zum Zopf gebunden.

Diese frohe Botschaft kommt an bei einer Klientel, die vom Einkommen her FDP wählen könnte, sich aber den Grünen näher fühlt: Nicht unbedingt vermögend, aber doch mit so viel Geld ausgestattet, dass ohne zu sparen einige Tausend Euro übrig bleiben. Auch diese Schicht gibt sich nicht gern mit den mageren Zinsen auf dem Tagesgeldkonto zufrieden, Aktien von Großkonzernen kaufen möchte sie aber erst recht nicht. Einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten Öko-apostel wie Prokon mit sogenannten Genussrechten - eine Bezeichnung, die viele offenbar wörtlich nehmen und damit missverstehen als bequemes Gewinnversprechen ohne Verpflichtung zum Nachdenken.

Und wie bei jeder Heiligenerzählung ist auch hier die Glaubenswahrheit wichtiger als Faktentreue. Die simple Logik, dass jede Firma in Not geraten muss, die mehr Zinsen zahlt als Erträge erwirtschaftet, hat in dieser heilen Welt keinen Platz. Für die Schieflage müssen daher andere verantwortlich sein - die Banken, die Atommafia oder schlimmer noch: jene Zweifler aus den eigenen Reihen, die in der Krise kurzerhand ihr Kapital abziehen. Sie werden aus der Gemeinschaft der Umso-mehr-Überzeugten ausgegrenzt.

Dabei ist die Wirklichkeit trivial: Rendite und Risiko gehören immer zusammen, Gier und gutes Gewissen hingegen schließen sich aus.

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